Frank Roeder MW schreibt in der neuen VINUM-Ausgabe

01.12.2015

In der Carte Blanche von VINUM - Europas führendes Magazin für Weinkultur - schreiben Persönlichkeiten aus der Weinszene über ein Thema, das sie freut oder aufregt, inspiriert oder nervt. In der Ausgabe Dezember 2015 schreibt Frank Roeder MW über den "Relativen Wert eines Weines". Darin macht er sich für kleine Weine stark, die es schwer haben, in den bestehenden Bewertungssystemen überhaupt wahrgenommen zu werden. "Muss das so sein?" fragt er und stellt eine alternative Bewertung vor.

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Hier der komplette Text:

Über Geschmack lässt sich streiten, über Qualität nicht. Daher gibt es nur selten Diskussionen über Punktzahlen für Weine. Ob nun im 100-Punkte-Schema, 20 Punkte oder 5 Sterne, Weinkritiker versuchen damit die absolute Qualität eines Weines zu bemessen. Leicht verständlich, denn je höher umso besser. Hohe Noten suggerieren hohe Qualität, mit hohen Punktzahlen wird geworben, inzwischen sogar von den Discountern. Man mag darüber denken wie man will, das System funktioniert, es bietet vielen Konsumenten eine Orientierungshilfe.

Leider wird man damit vielen Weinen nicht gerecht. Ein vergnüglicher Vinho Verde - ein köstlich einfacher und einfach köstlicher Wein - wird selbst bei optimaler Qualität kaum 90 Punkte oder mehr erhalten, und damit nie die Aufmerksamkeit der Wein-Liebhaber erregen. Einem vibrierenden, beschwingten Riesling-Kabinett, der die Stimmung hebt und Gespräche fördert, geht es genauso. Die 16 Punkte, die er bei 20 möglichen Punkten bestenfalls erhält, sagen leider gar nichts aus!

Die Krux der Benotungen ist, dass nur ein eng begrenzter Spielraum real existiert. Noten unter 85 oder unter 14 werden nicht veröffentlicht. Das 100 Punkte Schema bildet somit in der Realität nur 17 Stufen ab und das 20 Punkte Schema 7 Stufen, zählt man halbe Punkte hinzu sind es 13 Stufen. Das große Problem: Die Bewertung bildet nur die absolute Qualität ab, nie die relative! Ist nun ein 17 Punkte Bordeaux ein besserer Wein als ein 16,5 Punkte Chianti? Absolut gesehen ja, aber innerhalb seiner Kategorie?

Wäre es nicht schön, neben der absoluten Qualität auch die relative Qualität eines Weines ablesen zu können? Wäre es nicht hilfreich zu wissen, wo dieser köstliche, leichte Provence-Rosé im Vergleich zu anderen Rosés der gleichen Herkunft steht? Wie könnte solch eine Bewertung aussehen?

Ganz einfach: Man vergibt zwei verschiedene Noten. Auf einer Skala von 1 bis 10 wird einmal die absolute Qualität angegeben, und einmal die relative. Um in unserem Beispiel Vinho Verde zu bleiben, könnte die Bewertung 5/10 lauten. Verglichen mit den besten Weinen der Welt wäre er also mit einer 5 zu einer 10 eben 50% unter dem Maximum. Aber da er als Vinho Verde perfekt ist, gebe ich ihm die relative Note 10. Das heißt es gibt keinen besseren, womöglich aber gleich gute Vinho Verde.

Der Bordeaux Cru Bourgeois mit 16,5 Punkten könnte beispielsweise eine 7/6 erhalten, und der Chianti Classico mit 16,0 Punkten eine 7/7. Beide Weine wären absolut gesehen so dicht beieinander wie im Punktesystem, relativ gesehen wäre der Chianti aber der bessere Wein im Vergleich zu seinesgleichen. Ist das zu kompliziert?

Nun, ich bin kein Weinkritiker im eigentlichen Sinn. Auch wenn ich mehrere Tausend verschiedene Weine im Jahr blind verkoste und bewerte: Ich veröffentliche meine Bewertungen nicht. Aber ich bin der Meinung, dass ein Wein immer in seinem Kontext verkostet und bewertet sein sollte. Nur dann haben vermeintlich kleinere Weine auch die Chance, bewertungsrelevant wahrgenommen zu werden.

Frank Roeder aus Völklingen wurde 2009 als dritter Deutscher zum Master of Wine gekürt. Er ist Gründer und Geschäftsführer des großen deutschen Weinhändlers VIF.

 

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