Riesling-Symphonie: Den Geheimnissen des Riesling auf der Spur

22.01.2016

Salvador Dali hat einmal gesagt: „Wer kosten kann, trinkt niemals nur Wein, sondern entdeckt Geheimnisse.“ Den Geheimnissen des Riesling war eine Gruppe von Experten und Riesling-Liebhabern auf der Spur. 24 Spitzen-Rieslinge, aus den wichtigsten Regionen, von den wichtigsten Protagonisten, in den wichtigsten Stilen, aus den letzten 5 Jahrzehnten, ergaben eine hoch spannende Probe. Der Erkenntnis-Gewinn war immens.

Zwölf Riesling-Freaks machten sich am 19. Januar an die Arbeit. Im Parkhotel Albrecht trafen sich zwei Winzer, zwei Master of Wine, zwei Gastronome und sechs ambitionierte Riesling-Liebhaber, um an einem Abend auszuloten, wo die Welt des Rieslings steht, was maximal erreichbar ist, wo seine Stärken und Schwächen liegen, was der Puls der Zeit ist. Dass dabei nicht nur junge Rieslinge ins Glas kamen, versteht sich von selbst. Denn viele Rieslinge können nicht nur gut reifen, viele müssen es sogar.

Los ging es mit einem Außenseiter, sozusagen um sich einzustimmen: Der 2013 Riesling Langhe von Aldo Vajra aus Barolo (blind verkostet) überraschte alle Teilnehmer, dass auch Riesling aus (für dieses Rebsorte) nicht bekannten Regionen ein beachtliches Niveau erreichen kann. Rein aus Liebe zur Rebsorte hat Aldo Vajra, begnadeter Barolo-Winzer, vor nun schon mehr als 20 Jahren eine Parzelle Riesling gepflanzt und erzeugt einen ansprechenden, animierenden, verspielten trockenen Riesling, der mit feiner Mineralität glänzte. 89 Punkte

Der nächste Riesling war der einzige aus Übersee: 2012 Hanlin Hill Riesling von Petaluma aus dem Clare Valley in Australien (in der Magnum) setzte einen Kontrapunkt zu den folgenden Klassikern. Knochentrocken, mit expressiver Mineralität, nötigte den Experten Respekt ab. Aus einem hot climate einen solch anspruchsvollen, im Abgang von salzigen Noten geprägten Riesling zu erzeugen, der zu den Spitzengewächsen des Landes zählt, ist eine Klasse-Leistung. 90 Punkte. Natürlich hätte man auch Rieslinge aus Washington, oder Neuseeland zeigen können, doch deren Marktbedeutung hier in Deutschland ist einfach viel zu klein.

Nummer drei war der erste Deutsche: Das Große Gewächs 2010 Monzinger Halenberg von Emrich Schönleber (Nahe) zeigte im intensiven Bukett neben weißem Pfirsich und Bergamotte vor allem florale Noten, Jasmin, Blüten, und ein Hauch Petrol. Am Gaumen dicht und kompakt, mit toller Struktur und vibrierender Säure, spannungsvoll mit salziger Mineralität. 94 Punkte

Der 2012er Sommerberg „E“ der Domaine Albert Boxler aus dem Elsass (Niedermorschwihr) stammt aus der besten Parzelle Eckstein des Sommerberg. Die intensive, klassische Elsässer-Riesling Nase ist von gelber Frucht geprägt, Mirabellen, Honigmelone. Am Gaumen ein Blockbuster-Auftakt mit viel Reife und Alkohol (obwohl nur 13%), mit enormer Stoffigkeit und viel Extrakt, zeigte er Tiefe und wirkte nur im Finale leicht brandig. Dennoch: 95 Punkte

Es folgte ein weiterer Knaller! Der 2007 Unendlich von F.X. Pichler aus der Wachau hatte deutlich Weinstein. In der Nase viel reintönige Frucht von Mirabellen und Marillen, sehr feingliedrig, sehr präzise. Im Mund dann deutlich erkennbar die Ambition: Hoch-reifes, penibel gesundes  Lesegut, das trotz des hohen Alkohols recht feingliedrig, und trotz aller Power schlank geführt. Mit viel Finesse, aber auch satt machend. 96 Punkte

Hier entwickelte sich eine lebhafte Diskussion, ob Riesling so sein soll wie die beiden letzten Weine. Die Anhänger der deutschen Weine lehnten so viel Wucht und Power beim Riesling ab. Auch für mich entspricht das nicht meiner persönlichen Präferenz. Letzten Endes ist es aber doch der erklärte Wille des Winzers, im Rahmen seiner Möglichkeiten das maximal Mögliche zu produzieren. Und die Qualität muss man objektiv anerkennen.

Auch Wein Nummer 6 war kraftvoll: Der 2010 „Clos St. Urbain“ Grand Cru Rangen de Thann von Oliver Zind-Humbrecht zeigt zunächst ölige, balsamische Noten im Bukett, Akazienhonig, Mirabelle, Aprikosen, auch Rhabarberkompott, mit einem Touch Akazien-Firne. Auch am Gaumen mit erstaunlicher Reife, wenn man den Jahrgang nicht wüsste hätte man ihn deutlich älter eingestuft. Trotz aller Mineralität eine schwierige, wenn nicht gar problematische Aromatik, so dass man sich fragen muss, ob hier nicht Botrytis im Spiel war. Trotz Indice 1 (die führenden Elsässer Betriebe geben auf einer Skala von 1 bis 5 den Grad der Restsüße an, 1 = trocken) deutlich wahrnehmbare Restsüße von geschätzten mehr als 10 Gramm. Vermutlich ein zeitloser Wein, der ich auch die nächsten Jahre in der Aromatik kaum ändern dürfte. 94++ Punkte.

Riesling SymphonieDie 2004er Herrmannshöhle GG von Dönnhoff brachte dann wieder Schwung in den Laden. Seine feingliedrige, zieselierte Nase wirkte filigran und zeigte erste Anzeichen von Reife mit Noten von schwarzem Tee und hochreifen Mirabellen. Am Gaumen brutal feingliedrig und verwoben, mit enormem Druck, Power mit Understatement. Ein charismatischer, großartiger Wein von endloser Länge. 96 Punkte.

Da konnte das aus dem gleichen Jahrgang stammende 2004 Forster Kirchenstück GG von Bürklin-Wolf nicht ganz mithalten, obwohl der Wein jetzt auf seinem Höhepunkt angelangt ist. Sein delikates, wunderschönes Bukett nach vollreifen Früchten zeigt auch Wachsnoten, Lavendel und schöne Erdigkeit. Am Gaumen kein spektakulärer, aber sehr schöner Wein von großer Harmonie und Ausgewogenheit. 93 Punkte

Beweisen musste sich dann der 2005er G-Max von Keller in Rheinhessen. Das Bukett war verschlossen, zarte Noten von Bienenwachs, Tee, Mirabellen und Kräuternoten. Ein hoch konzentrierter Auftakt mit Frische und Schlankheit zeigte einen kraftvollen Wein. Doch schon der zweite Gedanke war: zu viel von allem! Ein sehr spannender Wein, der sicher nie langweilig wird, aber auf die Dauer ermüdend. Das Zukunftspotenzial ist daher nur schwer einzuschätzen. Dieser Wein muss sich einfach die Fragen gefallen lassen: Wo ist die Lage? Wo ist das Terroir? Wo ist die Persönlichkeit? Aufgrund seiner Power dennoch 97 Punkte.

Etwas weniger Power, dafür aber oben stehende Fragen aufs Beste beantwortend hatte der 1999er Singerriedel Smaragd von Hirtzberger aus der Wachau. Hochfeines, reifes Bukett mit delikaten Würznoten, Muskatnuss, schwarzer Tee, reife Mirabellen. Am Gaumen konzentriert mit hoch-reifer Frucht und dennoch jugendlich verspielt, Power und doch lebhaft, sehr beeindruckend. Schöne Stilistik mit sehr würzigem Finale, das leider auch phenolische Noten zeigt. 94 Punkte

Die 1999er Cuvée Frédéric Emile von Trimbach war extrem von Kork geprägt. Kein Wertung

Fragezeichen auch bei der 2000er Clos Sainte Hune, dem berühmtesten Elsässer Riesling, von Trimbach. Schon der Duft nach alten Socken, Wachs, Kräuternoten und Mottenkugeln hatte Strinrunzeln zur Folge. Am Gaumen dann enttäuschend und leer, leicht oxidativ, wie ausgelutschter Teebeutel, nur im Finale Mineralität zeigend. Vermutlich eine ganz schlechte Flasche. Ohne Wertung.

Es folgte ein großes Highlight! Die 2002er Hochheimer Hölle Goldkapsel von Künstler aus dem Rheingau wurde von Hofschuster ja mal mit 100 Punkten bewertet. Ich gestehe, ich liebe die Weine aus dieser Lage und bin voreingenommen: Ein spektakulärer Wein mit sehr feiner, kräuterwürziger Nase, mit reifen Mirabellennoten, schwarzem Tee, keinerlei Reife zeigend, sondern geradezu frisch wirkend. Grandioser Auftakt mit geradliniger, präziser Frucht, stoffig, aber nicht überladen, mit grandioser Balance und Frische. Großes Gaumenkino, unendlich langes, wunderschönes Finale mit Rasse und Klasse. Zum Leertrinken! 98 Punkte

Wein Nummer 14 dann fast genauso gut! Die 2001er Nackenheimer Rothenberg Auslese von Gunderloch (Rheinhessen) zeigte ein Bukett von feiner Pfirsichfrucht mit zarten Petrolnoten, hoch spannend, Rosenduft, Muskatnuss und feine Würze. Auch hier eine wunderschöne Balance zwischen reifer Säure und dezenter, verspielter Süße. Sehr harmonisch und erst am Anfang seiner Entwicklung stehend, im aufregenden Finale eine vibrierende Säure mit reintöniger Frucht. Brilliant! 97 Punkte

Die 1998er Traisener Bastei Auslese von Dr. Crusius (Nahe) kommt aus einer der kleinsten Spitznelagen Deutschlands (1,2 Hektar). Sie präsentierte sich im Duft mit rauchigen Noten, Bacon, geradezu speckig. Am Gaumen relativ trocken, zwar mit schöner Mineralität, aber zu wenig Stoffigkeit. Spannend, aber nach dem Gunderloch hat er es schwer zu glänzen. Mit etwas mehr Süße und damit Balance hätte er es vielleicht geschafft. 93 Punkte

Enttäuschend die 1996er Erdener Prälat Auslese Goldkapsel von Dr. Loosen aus der halben Flasche. Ruwer-artige Kräuternoten prägten den Duft. Sehr schlank, wirkt geradezu altmodisch oder altbacken, Quittennoten. Auch am Gaumen deutliche Reife zeigend, wirkt müde, es fehlt an Tiefe. 89 Punkte

Sehr schön hingegen die 1991er Abtsberg Auslese von Maximin Grünhaus mit unverkennbarer Ruwer-Kräuteraromatik im frischen Duft, der sich mit zarten Petrol-Noten dramatisch und spektakulär zeigt. So klar, so frisch auch am Gaumen, ein zeitloser Wein! Eine Offenbarung, die trotz vorhandener Restsüße eher trocken wirkt. So klar, so faszinierend schön, mit leichtem Körper und verspielter Art. 94 Punkte

Riesling SymphonieDie 1999er Scharzhofberger Auslese von Egon Müller stammt nicht aus dem besten Jahrgang, zeigt aber das maximal Mögliche: Deutliche Schiefernoten mit der so typischen Kräuterwürze und reintönigem weißen Pfirsich. Er wirkt ungewöhnlich leicht, aber jung und frisch mit großartigen Terroir-Noten, unverkennbar seine Herkunft zeigend. Geschliffene, kristallklare Frucht von spektakulärer Reinheit und unaufdringlicher Eleganz. Ein souveräner Wein! 96 Punkte

Die 1983er Wehlener Sonnenuhr Auslese Goldkapsel von J.J. Prüm zeigte im Bukett zarte Reifenoten mit ätherischer Kräuterwürze. Ein relativ schlanker Auftakt am Gaumen mit leicht gemüsigen Noten entwickelte sich zu einem vergnüglichen, klaren, zeitlosenWein. Die vermutlich nasse Botrytis lässt ihn so gemüsig nach Bohnensuppe schmecken, dennoch enorm vielschichtig. Das leicht phenolische Finale bestätigt dann die Vermutung, und klärt alles auf, so dass man schon Lust auf den nächsten Schluck hat. Ein Wein, der sich erlaubt seine Schwächen zu zeigen, der nie langweilig wird und Lust auf mehr macht. Ein Klassiker. 93 Punkte.

Wein Nummer 20 dann der prächtige Höhepunkt. Dreißig Jahre älter, aus der gleichen Lage, die 2013er Wehlener Sonnenuhr Auslese*** Goldkapsel von Markus Molitor, die letztes Jahr 100 Parker-Punkte erhielt. Rauchiges Bukett, nach Eisenerz duftend, Litschi, gelber Pfirsich: schon der Duft kündigt einen spektakulären Gänsehaut-Wein an. Brillante Klarheit und Präzision auch am Gaumen, wunderschöner Wein in perfekter Balance, mit Saft und Kraft, ungezügelter, ungestümer, jugendlicher Power, druckvoll am Gaumen, ohne jede Schwere, endlos lang, mit endloser Zukunft. Atemberaubend! Bewegend und berührend. Man könnte nun endlos über diesen Wein schwelgen. Ich ziehe einfach die Höchstnote: 100 Punkte. Für mich auf einer Stufe mit der 2005er Scharzhofberger TBA von Egon Müller.

Hier muss man nun einen Gedankenstrich ziehen, denn es war klar, das ist das Maß aller Dinge. Aber bei einer Riesling-Probe muss man auch Eisweine und TBA’s zeigen. Der 1995er Eiswein vom Karthäuserhofberg zeigte verführerische Eisbonbon-Noten, Gletschereis. Die Süße wirkte übermäßig, hochkonzentriert die Aromatik, aber Süße und Säure stehe irgendwie nebeneinander. Es fehlt an Tiefe, auch wirkt er irgendwie müde. 90 Punkte

Ganz anders der 1983er Eiswein aus dem Jesuitengarten von Reichsrat von Buhl. Bernsteindunkel gereift, duftet er etwas leer, ohne Tiefe, nach Teakholz, etwas Litschi, Dosenmandarinen. Am Gaumen aber eine spannende Eisbonbon-Note von cremiger Konsistenz, mit Spannung, sehr balanciertes Süße-/Säurespiel, sehr gefällig, cremig-schokoladiges Finale, das einfach Spaß macht. 95 Punkte

Die 1971er Rüdesheimer Schlossberg TBA der Staatsweingüter zeigte eine teakholz-dunkle Farbe. Kaffe- und Röstaromen am Gaumen, Toastbrot, Litschie und Mandarinen. Extrem süßer Auftakt, gepaart mit viel spitzer Säure und Karamellnoten. Wirkt zu spitz im Finale. 92 Punkte

Die 1959er Kanzemer Altenberg TBA vom Priesterseminar Trier war tawny-farben. Intensive Mokka- und Malagnoten waren von kaltem Zigarrenrauch untermalt. Am Gaumen relativ schlank, wiederum Kaffeenoten. Der Wein lebt von seiner Struktur, ist interessant, ja gar spannend, aber ohne Tiefgang und zu wenig Spiel. Er ist zu schlank, um groß zu sein, zeigt aber Rasse und Charakter. 91 Punkte

Zum Abschluss holte Roman Niewodniszanski aus dem Auto noch eine 2011er Scharzhofberger TBA von seinem Weingut Van Volxem. Dies musste er seinem Kellermeister quasi entreißen, denn der Wein ist noch nicht auf dem Markt und die Mengen sind gering. Expressiver Maracuja-Sirup im Bukett, extrem cremig wirkend, von likörartiger Viskostität. Hochpräzise Maracuja-Frucht auch am Gaumen, viel Passionsfrucht, Ananas. Mit laktischer Cremigkeit den Gaumen streichelnd, von großartiger Tiefe und vielschichtiger Komplexität. Ein Hammerwein! Von allererster Sahne, mit großer Zukunft. Daher auch eine Potenzialwertung von 98-99 Punkte.

Alles in allem also eine großartige Riesling-Symphonie, mit lauten und leisen Tönen, gediegenen und schnellen Tempi, abwechslungsreich und jederzeit alle Sinne fordernd. Eine erkenntnisreiche Probe, die wieder einmal bestätigte, dass große Namen wie Egon Müller oder J.J. Prüm ihren Erwartungen gerecht werden, selbst in weniger guten Jahren, denn ihre Weine zeigen Charisma und Persönlichkeit. Wenn alles stimmt und die Lage groß ist, können auch die Kollegen phantastische Rieslinge erzeugen.

Die alkoholreicheren Rieslinge aus Österreich oder dem Elsass spalten ein wenig die Meinungen, was aber auf Vorlieben des einen oder anderen fußt. Die Österreicher zumindest zeigen Klasse, die Qualität muss man neidlos anerkennen. Große Fragezeichen hinterließen die Weine aus dem Elsass, von denen der Boxler noch mit Abstand am attraktivsten war. Irgendwie wirkt der Elsässer Stil wie aus einer anderen Zeit. Aber wir wollen nicht vorzeitig den Stab brechen, besonders bei Trimbach kann es auch an den Flaschen gelegen haben.

Fazit: Riesling ist und bleibt eine der aufregendsten und besten weißen Rebsorten der Welt. Deutschland profitiert nach wie vor von seinem kühlen Klima, und mit dem Riesling nutzen die Winzer diesen Vorteil. Keine andere Rebsorte der Welt kann mit so wenig Alkohol solch ausdruckstarke, komplexe und vielschichtige Weine mit einer solchen Finesse hervorbringen wie der Riesling. Manche sind zeitlos, für die Ewigkeit produziert. Das kann aber nur feststellen, wer gelegentlich auch mal eine Flasche trinkt.

Text Frank Roeder

Fotos Janine Klersy

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