Aus dem Leben eines Winzers (12): Biegen

22.02.2017

Eine der wichtigsten Arbeiten im Weinberg ist das Schneiden der Reben und das anschließende Biegen und Heften. Hiermit werden die Weichen für die Ertragsmenge und damit für die Qualität der Frucht gestellt. Das derzeit feuchte und nicht zu kalte Wetter ist ideal um dieser wichtigen Arbeit im Weinberg nachzugehen. Lesen Sie aus der beliebten Serie "Aus dem Leben eines Winzers" den Bericht von Johannes Peters, Winzer aus Wiltingen an der Saar. 

Die Rebe gehört zu den Lianengewächsen und ist deshalb bestrebt nach oben zu wachsen. Bevor der Mensch die ersten Reben kultivierte, wuchsen die Urreben gerne an den Stämmen von Bäumen zum Licht empor. Auf dem Weg dorthin wurde keine Zeit mit der Ausbildung von vielen Seitentrieben oder Trauben vergeudet.

Wilder Wein ist ein Lianengewächs

Das obige Bild vom wilden Wein verdeutlicht dieses Wachstumsverhalten sehr schön. Wenige Triebe wachsen sehr schnell in die Baumkrone, um sich dort über das Blätterdach des Baumes zu werfen. Erst dann werden einige wenige und kleine Früchte gebildet, die einzig zur Vermehrung beitragen sollten. Im Gegensatz zur Kulturrebe ist die Wildrebe zweihäusig, d.h. es gibt männliche und weibliche Pflanzen. Die Bestäubung erfolgt über Insekten und die Ausbreitung der Samen durch Vögel.

Als der Mensch bei der Rebe ins Spiel kam, wurde das Hauptaugenmerk auf die Früchte gelegt. Die Rebe musste also dazu gebracht werden, mehr und größere Früchte zu produzieren. Dies gelang nur durch Selektion und das "Fesseln und Knebeln" der Rebe. Indem der Mensch die Rebe am Höhenwachstum hinderte, zwang er diese ihre Kraft und Nahrung in andere Bahnen zu lenken - die Früchte.

Der Rebschnitt: Pro Stock wird auf zwei Triebe zurück geschnitten

Der Rebschnitt: Pro Stock wird auf zwei Triebe zurück geschnitten

Beide Triebe stehen noch nach oben

 Beide Triebe stehen noch himmelwärts

Das gelingt durch den Rückschnitt der Reben auf wenige Triebe. Oben sehen sie eine geschnittene Anlage mit 2 Fruchtruten, die auch bereits eingekürzt wurden. Der Laubschnitt im Sommer unterstützt ebenfalls das Traubenwachstum. Und dann gibt es noch das Biegen. Bei dieser Arbeit werden die Reben nach unten gebogen, um das Höhenwachstum von vorne herein einzuschränken.

Das Biegen der Triebe und Anheften an die Drähte

Martina Peters beim Biegen der Fruchtrute und Anheften an die Drähte

Die geschnittene Rute wird jetzt über den oberen Biegdraht gelegt und am unteren Biegdraht mit einem papierummantelten Drähtchen befestigt. Dann wird das überstehende Ende der Rute unmittelbar hinter dem Biegdraht eingekürzt.

Überstehende Stücke werden gekürzt

Überstehende Stücke werden gekürzt

 

Das Biegen funktioniert sehr gut bei feuchtem Wetter, da die Reben dann besonders geschmeidig sind und nicht so leicht brechen.

Die Bögen werden an den Draht geheftet

Da häufig bereits im Winter mit dem Biegen begonnen wird, sind Handschuhe mit Fingerfreiheit für die filigrane Arbeit von großem Nutzen. Damit die Biegedrähtchen Daumen und Zeigefinger nicht aufscheuern, schützen wir diese mit Heftpflaster.

Die Triebe werden so abgeschnitten, dass sie sich nicht überlappen

Die Triebe werden so abgeschnitten, dass sie sich nicht überlappen

 

So sieht das Endergebnis aus - ein Flachbogen auf dem Draht und einen Rundbogen über den Draht. Je weniger Augen (Knospen für das Triebwachstum) auf der Rute, desto geringer wird der Ertrag. Auf dem Bild sehen sie am Rundbogen 7 Augen und am Flachbogen 5 Augen.

Fertig: Ein Bogen am oberen Draht, einer am unteren Draht befestigt

Fertig: Ein Flach-Bogen am oberen Draht, ein Rundbogen am unteren Draht befestigt

 

Auf dem Bild darunter sehen sie die Rebanlage eines Nachbarn, der deutlich längere Ruten mit entsprechend mehr Augen gebogen hat.

 

Lange Triebe mit vielen Augen bringen viel Ertrag und geringe Qualität

Lange Triebe mit vielen Augen bringen hohen Ertrag und geringe Qualität

Ein Bogen hat 14 Augen und der andere 11. Die Augenzahl ist damit pro Stock doppelt so groß und somit wird von vorneherein das potentielle Ertragsniveau weit nach oben geschraubt. Da wir qualitätsorientiert arbeiten, begrenzen wir den Ertrag schon über kurze Ruten. Besonders begrenzen wir die Menge in unseren Burgunderanlagen, wo wir nur zwei kurze Ruten flach auf den oberen Biegdraht legen.

 

Burgunder-Reben werden besonders kurz und flach gehalten

Burgunder-Reben werden besonders kurz und flach gehalten

 

Zum Biegen gehört die Fixierung des Rebstamms am Draht. Dadurch wird die gesamte Anlage stabilisiert und lose Reben behindern nicht das Befahren und Bearbeiten des Weinbergs.

Befestigung des Rebstocks am Drahtrahmen

Befestigung des Rebstocks am Drahtrahmen

 

Mit Schlauchband wird der Stamm angebunden. Das grüne Schlauchband ist elastisch und dehnt sich mit dem Wachsen der Rebe aus, ohne diese zu erdrosseln. Nach dem Biegen der Reben erwarten wir den Austrieb und wünschen uns allen ein sonniges Frühjahr ohne Spätfrost....

Text und Fotos: Johannes Peters, Weingut Peters (Saar)

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Aus dem Leben eines Winzers (1): ESCA - Die große Gefahr für Deutschlands Weinberge

Aus dem Leben eines Winzers (2): So pflanzt man heute Reben

Aus dem Leben eines Winzers (3): Wie ein Weinberg entsteht

Aus dem Leben eines Winzers (4): Kreativität hilt auch im Weinberg

Aus dem Leben eines Winzers (5): Laubsaugen

Aus dem Leben eines Winzers (6): Klare Sache: So wird filtriert

Aus dem Leben eines Winzers (7): Putzig

Aus dem Leben eines Winzers (8): Lesevorbereitungen

Aus dem Leben eines Winzers (9): Nach der Lese ist vor der Lese

Aus dem Leben eines Winzers (10): ...alle Jahre wieder staubt es

Aus dem Leben eines Winzers (11): Knospenschwellen

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