Endlich eingetroffen: Die neuen Jahrgänge aus Südafrika!

16.01.2015

Stillstand ist Rückschritt: In einer sich immer schneller entwickelnden Welt verliert derjenige, der sich auf seinen Lorbeeren ausruht, über kurz oder lang den Anschluss an die Spitze. Das gilt auch und besonders in der Welt des Weines. Kontinuierliche Weiterentwicklung ist daher oberstes Gebot, wenn man dauerhaft zur Spitzengruppe gehören will. Dazu sind gelegentlich große Investitionen erforderlich, aber immer das beständige Justieren der Feinstellschrauben. Hinzu kommt die schnelle Reaktion auf die Herausforderungen des Wetters. Abrie Bruwer ist dies im Jahr 2014 ganz besonders gut gelungen.

Abrie könnte man sich daher als rastlosen Menschen vorstellen: Immer das Ziel vor Augen, jedes Jahr noch bessere Weine zu machen; auf Messen präsent sein, die die neueste und beste Technik zur Weinbereitung präsentieren; Reisen zu Spitzenwinzern in andere Kontinente, um Erfahrungsaustausch zu betreiben und den eigenen Horizont zu erweitern. Ja, all das macht Abrie, aber rastlos ist er deswegen nicht!

Tatsächlich kenne ich kaum einen anderen Menschen, der so ausgeglichen und in sich ruhend wirkt wie Abrie. Der überzeugte Power-Weekender lässt freitags am frühen Nachmittag die Arbeit hinter sich und reist von Robertson nach Struisbaai zum Cap Agulhas, zwei gute Autostunden entfernt am Indischen Ozean zu seinem Wochenendhaus. Schon auf der Autofahrt dorthin gelingt ihm das Abschalten. Er blendet die Arbeit aus und findet die innere Ruhe. Angeln auf dem Boot, Tauchen von der Küste aus, und die Beute bereitet er selbst in der Küche zu.

Seine Weine strahlen genau diese innere Ruhe aus, die er so liebt und lebt. Allen voran der wichtigste Wein des Weinguts: Der Sauvignon Blanc "Life from Stone" gilt als einer der ersten Weine aus Übersee. Er wächst auf extrem steinigem Terroir, das ihm neben seiner üppigen Frucht, die in solch generösen Jahren wie 2014 geradezu tropisch wirkt mit Noten von Ananas, Maracuja und Passionsfrucht, zusätzlich einen salzig-mineralischen Kick verleiht. Eine unschlagbare Kombination! Kein Wunder, dass der "Life from Stone" dank dieses Extraktreichtums und seiner Mineralität bei gleichzeitig frischer und belebender Säure gut und gerne zehn Jahre Potenzial hat. Das gibt es bei Weißweinen aus Übersee, die puristisch ohne jeglichen Holzeinfluss sind, nur sehr selten.

Noch mehr strahlt sein Chardonnay "Wild Yeast" diese Ruhe aus. Denn Ruhe ist das Motto, durch das er entsteht. Er vergärt - wie der Name schon sagt - nur mit den weinbergseigenen, "wilden Hefen", und das braucht seine Zeit. In unterirdischen Betontanks gärt er langsam und gemütlich vor sich hin. Das kann schon mal 13 Monate dauern, wovon ich mich bei einem Besuch höchstpersönlich überzeugen konnte. Solch eine langsame Gärung ist ein riskantes Verfahren, das auch schon einmal schief gehen kann. Abrie selbst bezeichnet sich scherzhaft als den größten Weißwein-Essig-Produzenten des Landes, denn schon mehr als einmal ging dieses Verfahren schief. Doch inzwischen beherrscht er den Prozess, und die Weine zeichnen sich durch eine ausdruckstarke Persönlichkeit aus. Ihre Textur ist so komplex, dass man der Meinung sein könnte, dass so etwas nur durch den Ausbau im Holzfass gelingen könnte. Tatsächlich aber hat der Wein nie ein Stück Holz gesehen.

Ein Muster an Ausgewogenheit ist der Chardonnay "Ancienne Methode", der nach burgundischem Vorbild in neuen Holzfässern vergoren und ausgebaut wird. Das gelingt mit einer unglaublichen Präzision, dass manch erfahrene Verkoster den Wein in einer Blindprobe nicht nach Übersee, sondern in Frankreich verortete. Auch hier ist Ruhe und genaues Beobachten das Prinzip: Gelassenes Nichts-Tun, solange sich der Wein so entwickelt, wie er soll. Das neue Holz verleiht ihm Rückgrat, dominiert aber nicht den Geschmack. Die Röstaromen sind erkennbar im Hintergrund, balanciert und harmonisch tragen sie zum Gesamt-Geschmacksbild bei. Ein großer Chardonnay!

Auch bei den Rotweinen geht Abrie seine eigenen Wege: Beim "Whole Berry" Cabernet Sauvignon werden die Beeren nicht wie üblich aufgebrochen, sondern gären in der Schale. Die "ganze Beere" gärt also von innen heraus, was sich besonders in der Tanninstruktur bemerkbar macht. Die Extraktion der Gerb- und Farbstoffe ist so sanft, dass sich am Ende des Gärprozesses die Beerenhaut zwischen den Fingern aufreiben lässt. Ein Kontrapunkt zu den oft über-extrahierten Cabernets aus Übersee, die tiefdunkel und mit mächtigen Tanninen strotzen. der "Whole Berry" hingegen ist relativ hell für einen Cabernet Sauvignon und mit einer saftigen Fruchtigkeit, die schieres Trinkvergnügen bereitet.

Wie bei einem Spitzenwinzer üblich, zeigen die neuen Jahrgänge, dass sich das Feinjustieren der Stellschrauben mal wieder gelohnt hat.

Text: Frank Roeder MW

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