Kaum bekannte Rebsorten (10): Petit Verdot

27.11.2014

Nur zu gerne erinnere ich mich an mein erstes AHA-Erlebnis beim Verkosten eines reinsortigen Petit-Verdot-Weins. Es war im Frühjahr 2005, wir waren mit einer Gruppe von Master-of-Wine Studenten in Bordeaux unterwegs und kosteten die Jahrgänge 2003 und 2004 aus den Fässern. Einige waren noch nicht verschnitten, und so konnten wir bei Château Latour diese rebsortenrein probieren. Beim 2003er Petit Verdot fühlte ich mich wie vom Blitz getroffen.

Er hob sich qualitativ weit von den Cabernet Sauvignons, von den Merlots und auch den Cabernet Francs deutlich ab, war viel mächtiger, stoffiger, gehaltvoller und gerbstoffbetonter als seine Kollegen, die ja sonst immer die Hauptrolle in den Cuvées spielen. Voller Begeisterung fragte ich den Kellermeister, warum man denn Petit Verdot nicht in größeren Anteilen in die Cuvées einbringt, statt der homöopathischen 3 oder 4%, und das auch nur in guten Jahren? Zur Antwort bekam ich den gleichen Petit Verdot aus dem Jahrgang 2004 zu kosten. Ein völlig anderer Wein, nicht annähernd so galaktisch wie der 2003er, eher etwas spröde, mit harten, leicht grasigen Gerbstoffen.

Die sehr spätreifende Sorte Petit Verdot ist enorm säure- und gerbstoffbetont, worauf ja auch schon der Name "Kleiner Grünling" hinweist. Das bedeutet, sie muss voll ausreifen, um so gewaltig gut zu sein wie besagter 2003er. Das geht nur in ganz heißen, trockenen Jahrgängen wie eben 2003, oder in einem entsprechend heißen Klima. Die Bordelaiser Winzer geben sie in kleinen Mengen in ihre Assemblage, um den roten Bordeaux Struktur und Langlebigkeit zu verleihen. In weniger günstigen Jahren oder kühlerem Klima schützt ihre enorm dicke Beerenhaut vor Pilzbefall und anderen Krankheiten.

Jetzt verstehen Sie, worauf es beim Petit Verdot ankommt, was seine Stärken und was seine Schwächen sind. Reift er perfekt aus, kann man ihn auch reinsortig ausbauen. Deswegen findet man vermehrt reinsortige Petit Verdot Weine in Klimazonen, die trocken und heiß sind, wie etwa Alentejo, das Lodi-Valley in Kalifornien, im Barossa Valley und Coonawarra in Australien. In Argentinien wird sie auch Fer genannt. In Bordeaux findet sie besonders in Margaux häufiger Verwendung, bekannteste Protagonisten sind Château Margaux und Château Palmer.

Eine der schönsten Überraschungen der diesjährigen Prowein war die Vorstellung eines reinsortigen Petit Verdot von unserem Weingut aus dem Alentejo, Cortes de Cima. Hans Jorgensen hatte sich wie ich die gleiche Frage gestellt, warum es so wenig reinsortige Weine aus dieser Sorte gibt. Im heißen Alentejo findet die Petit Verdot geradezu ideale Wachstumsbedingungen. Der Jahrgang 2010 geriet nahezu perfekt! Ein Muss für alle Liebhaber kraftvoller, wuchtiger, männlicher Weine. Trotzdem ist dieser Petit Verdot kein Tannin-Monster, sondern zeigt eine genial verführerische Frucht mit Noten von dunkler Schokolade. Mit allen Attributen eines großen, lagerfähigen Weins.

Aus der Reihe Kaum bekannte Rebsorten sind außerdem erschienen:

Teil 1: Falanghina

Teil 2: Mencia

Teil 3: Glera = Prosecco

Teil 4: Muskattrollinger

Teil 5: Negroamaro

Teil 6: Vermentino

Teil 7: Tannat

Teil 8: Malbec

Teil 9: Malvasia

« zurück
© Developed by CommerceLab
?>