"Dirty Tasting": Bericht von einer "verrückten" Weinprobe

18.01.2014

Schon die Ankündigung dieser ungewöhnlichen Weinprobe sorgte für Furore: Innerhalb weniger Minuten waren die 20 freien Plätze ausgebucht, über hundert Personen mussten wir leider vertrösten auf eine mögliche Folgeveranstaltung. Die Erwartungen der Teilnehmer waren hoch gesteckt - und wurden übertroffen. Alle waren sich einig: "So etwas ist einmalig", "Das kann man sonstwo nicht erleben", "Sensationeller Abend", "Unglaublich gut", "Perfekt inszeniert". "Während man bei anderen probieren kann, bei VIF kann man Wein erleben!"

Ziel dieser Weinprobe war es, die unglaubliche Vielfalt der Weinwelt fernab des Gewohnten zu erkunden, Vorurteile zu überprüfen, Neues kennen zu lernen. Insofern traf der Begriff "verrückt" auch im übertragenen Sinne voll zu: Geographisch verrückt, aber auch gut geeignet, die eigenen Vorstellungen zu verrücken.

Es begann mit einem unerwarteten Auftakt: Die Frage, wann die Teilnehmer das letzte Mal einen Lambrusco getrunken haben, war einfach zu beantworten: Niemand hatte es in den letzten 10 Jahren gewagt, diesen verschrieenen Weintyp zu trinken. Doch seit Jahren begeistere ich mich für die guten Qualitäten des trockenen Lambrusco, die mit den dubiosen, klebrig-süßen Getränken aus der ZweiLiterPulle in den Billig-Pizzerien in etwa so viel zu tun haben wie holländische Wassertomaten mit selbst gezogen Kirschtomaten aus dem eigenen Garten: Es liegen Welten dazwischen! Entsprechend anerkennend war die Zustimmung der Probierenden zum Arte e Concerto, Lambrusco Rosso Secco, Vino Frizzante von Medici Ermete, der als lebhafter, fruchtig-lebendiger Aperitif im Sommer glänzen kann, und sehr gut zu den gereichten Mortadella-Würfeln passte.

Noch mehr Lob erhielt der Assolo Reggiano, Vino Rosso Secco Frizzante, ebenfalls von Medici Ermete, der sogar als Begleiter der köstlichen Gerichte aus der Emilia-Romagna Einsatz finden kann. Man war sich einig, dass dieser Weintyp eine Bereicherung für das VIF- Sortiment sein kann. Doch das war nur das Vorgeplänkel zur Einstimmung: Jetzt sollte es ernst werden!

Die nächsten 3 Weine kamen aus England. England? wird sich mancher fragen, machen die dort Wein? Ja, und zwar recht guten. Die Schaumweine reichen sogar an die guten Champagner-Qualitäten heran. Kein Wunder, die Kreideböden und das Klima in Südengland sind nahezu identisch mit den Bedingungen in der Champagne. Entsprechend viel investieren die Champagnerhäuser auf der anderen Kanalseite. Unsere 3 Weißweine kamen aus Hampshire vom Weingut Danebury Vineyards. Der 2010 Madeleine Angevine war ein leckerer, unkomplizierter, leichter und fruchtbetonter Wein, der allseits gelobt wurde. Der 2010 Schönburger war etwas fülliger und damit auch präsenter und länger am Gaumen, konnte aber wegen seiner prägnanten Säure und leichten Bitternoten im Finale nicht überzeugen. Bester Wein dieser Serie war definitiv der 2010 Reserve vom gleichen Weingut, eine Cuvée aus Madeleine Angevine, Schönburger, Auxerrois und Ruländer, die für kurze Zeit im Holzfass ausgebaut werden. Ein schön balancierter, delikater Trinkwein. Alle drei nicht weltenbewegend, aber ein hervorragendes Beispiel, dass es in England eine steigende Anzahl ernstzunehmender Weine gibt, die von Jahr zu Jahr besser werden. Weine, die noch keine Bedrohung für das Establishment des restlichen Europas sind, aber wer weiß, was die globale Erwärmung noch an Folgen bringt.

Dirty Tasting: Die "verrückte" Weinprobe

Jeder, der sich ein wenig mit Wein beschäftigt, kennt Rioja und Châteauneuf-du-Pape, Kennt Weine aus Sancerre oder Beaujolais. Doch nur die wenigsten dürften wissen, dass es auch weißen Châteauneuf-du-Pape, weißen Rioja, weißen Beaujolais oder roten Sancerre gibt. Exemplarisch für diesen farblichen Rollentausch stellten wir einen weißen Rioja von Alvaro Palacios vor. Der 2009 Placet ist ein unglaublich minerallischer, hoch komplexer, verspielter und nuancierter Weißwein (dank alter Rebstöcke). Álvaros erster und einziger Weißwein entsteht inzwischen aus 100 % Viura, die biologisch angebaut wird. Er gärt zunächst in großen, relativ neuen Holzfudern. Dort bleibt der Wein für 5 Monate auf der Feinhefe und gewinnt so an Schmelz und Komplexität. In der Nase eine attraktive Limonennote mit ein wenig Akazienhonig. Am Gaumen lebhafte, frische Säure, die die leckere Melonenfrucht galant unterstützt. Imponierende Länge!

Mit Riesling kennen wir Deutsche uns natürlich bestens aus. Klar gibt es auch schöne Rieslinge aus dem Elsaß oder Österreich, doch den Rest kann man vergessen. So das gängige Vorurteil. Dabei gibt es doch auch wunderbare Exemplare aus Washington und Kanada, oder Neuseeland und sogar Australien. Ein faszinierender Riesling aus dem Clare Valley ist der 2012 Hanlin Hill Riesling von Petaluma, der als einer der besten Rieslinge des Landes gilt und mich Jahr für Jahr begeistert. Aufregend anders als deutsche Rieslinge präsentiert er sich vornehm zurückhaltend im Bukett, das von Pfirisch und weißen Früchten geprägt ist. Am Gaumen ein herrlicher Trinkfluss saftiger Pfirsichfrucht, die schön untermalt wird von mineralischen Akzenten. Tiefe, Spannung und Vielschichtigkeit prägen das lange Finale. Für Riesling-Fans ein Muss! Jetzt noch viel zu jung, großes Potenzial! Wir zeigten ihn aus der Magnum-Flasche, und alle waren sich einig: Großer Riesling, Châpeau!

Dirty tasting: Begeisterte TeilnehmerWeiter ging es mit einem ungewohnten Weinstil: Eher an Nature-Wine oder Amphorenwein erinnerte der 2010 La Petite Sophie von Gitana Winery aus Moldawien. Die Cuvée aus Chardonnay, der weißen Mädchentraube (Feteasca Regala) und Riesling trumpfte auf mit einem vollen Körper und ungewohnter Aromatik: Balsamische Sherrynoten wurden von Zitrus- und Apfelfrucht begleitet. Der oxidative und leicht phenolische Stil spaltete die Meinungen. Interessant fanden ihn alle, aber eben auch nicht wirklich prickelnd.

Nun kamen die Rotweine an die Reihe. Aus der Rubrik "Vorurteile verrücken" war der zur Einstimmung präsentierte 2011 Bardolino Superiore Santa Lucia von Cavalchina. Bardolino kennt man bestenfalls als leichten, süffigen, ordentlichen Begeliter von Pizza und Pasta, mit wenig Gerbstoffen, netter Frucht und schlankem Körper. Der im Barrique ausgebaute Santa Lucia hingegen war ein eindrucksvoller, stoffiger Kumpan mit kraftvollem Körper, der bei allen Teilnehmern das Vorurteil vom leichten Bardolino revidierte.

Es folgte nun ein gänzlich unbekannter Wein: Der 2011er Saperavi von der  Gitana Winery aus Moldawien ist zu 100% aus der Saperavi-Traube gekeltert, die auch in Georgien kultiviert wird. Eine spannende Geschichte, denn ab dem 2012er Jahrgang berät kein Geringerer als Valentino Mucci von unserem Apulien-Erzeuger Cantina Mucci, dieses Weingut, und er hat mir vorgeschwärmt vom großen Potenzial des Weinguts und der Region. Die noch etwas rustikale Art der Weinbereitung (die man auch im Saperavi erkennen konnte) wurde modernisiert, so dass in Zukunft fruchtigere, elegantere Weine zu erwarten sind.

Es folgten zwei weitere Weine aus Osteuropa, diesmal aus Bulgarien. Der Enira 2007 von Stefan Graf Neipperg (Canon-La-Gaffelière, La Mondotte) war perfekt auf den Punkt gereift. Die Cuvée aus 75% Merlot, 10% Syrah und 15% Cabernet Sauvignon) war weich und warm am Gaumen, mit viel reifen Gerbstoffen, die bestens eingebunden waren. Etwas süßlich, ja fast schon marmeladig am Gaumen, aber attraktiv und komplex. Ein wunderbarer Wein, der zeigt, was aus Osteuropa noch alles zu erwarten ist.

Dirty tasting: Begeisterte TeilnehmerSein Nachfolger, der Enira 2008, hatte eine etwas andere Zusammensetzung: 48% Merlot, 40% Syrah, 5% Cabernet Sauvignon und 7% Petit Verdot. Obwohl er deutlich weniger Holzeinfluss unterlag (weniger neues Holz) als der 2007er, zeigte er sich bissiger, eckiger und sperriger und somit weniger harmonisch. Dafür aber mit Zukunftspotenzial.

Der nun folgende Wein wurde die Überraschung des Abends: Der 2010er Marselan stammt aus China von einem kleinen Weingut, das keine Kosten und Mühen scheut, eine Miniproduktion erstklassiger Weine in die Flaschen zu füllen. Der Wein kommt in einer extrem hochwertigen Ausstattung daher, das Etikett mit seinen chinesischen Schriftzeichen für uns nicht lesbar. Der Erzeuger "Five Star" brachte ihn mir persönlich als Dankeschön mit für eine hochklassige Bordeaux-Probe. Five Star selbst ist Bordeaux-Liebhaber, und so war es kein Wunder, dass besonder die Bordeaux-Freunde in unserer Runde total begeistert von diesem Wein waren. Die Rebsorte Marselan ist eine Kreuzung zwsichen Cabernet Sauvignon und Grenache Noir und wird in Frankreich kultiviert. Unser Exemplar war ein konzentrierter, kraftvoller Bursche mit viel festem, feinen Tannin, dessen langes, komplexes Finale beeindruckte. Da fragt man sich, welche Klasse dieser Wein, der jetzt noch von jungen Rebstöcken stammt, wohl im Jahrgang 2020 zeigen wird? Wir dürfen gespannt sein. Und ich verspreche, die Weiterentwicklung dieses Weingutes im Auges zu behalten und hier zu berichten!

Trincadeira ist eine kaum bekannte Rebsorte, die nur selten reinsortig im Wein zu finden ist. Der 2009er Trincadeira von unserem portugiesischen Weingut Cortes de Cima aus dem Alentejo macht daraus eine wunderbar fruchtigen Wein mit Rasse und Klasse, der jetzt auf den Punkt perfekt gereift ist und entsprechend viel Lob erfuhr.

Den Abschluss der Rotweinreihe bildete ein Malbec. Nun kennt man Malbec ja als wichtigste rote Sorte Argentiniens, und auch in Frankreich läuft sie im Cahors zur Höchstform auf. Doch Malbec aus  Australien? Auch in diesem Fall mussten wir uns überraschen lassen, wie hervorragend diese Sorte auf dem richtigen Standort gedeiht und welch wunderbare Weine daraus entstehen können. Der 2007 Majestic Plough Malbec vom Weingut The Islander Estate kommt von Kangaroo Island, einer kleinen Insel südlich von Afelaide. Mein Freund Jacques Lurton hat dort Außergewöhnliches geleistet. Er war der erste Winzer auf der Insel (inzwischen gibt es eine gute zweistellige Zahl), der zudem mit in Australien ungewöhnlichen Sorten wie Cabernet Franc, Sangiovese oder eben Malbec für Furore sorgte.

Der Überraschungswein: 2010er Marselan aus ChinaDen Abschluss bildete eine Eiswein aus China: der 2009 Vidal Golden Icewine von Château Changyu aus der halben Flasche war sauber vinifiziert, klar als Eiswein erkennbar, mit markanter, leicht spitzer Säure, aber doch eher zu leicht. Zum Panettone war er dennoch ein guter Begleiter.

Und die Krönung zum Ende war wiederum etwas völlig Unbekanntes für die Teilnehmer: Der Barolo Chinato von Michele Chiarlo ist ein mit Chinarinde und Kräutern aromatisierter Wein mit 17% Alkohol, der mit seiner herben Aromatik ein krönender Abschluss war. In Italien - und auch an diesem Abend - wird er zum Ende eines Menüs zusammen mit dem obligatorischen Espresso gereicht.

Eine Umfrage unter allen 20 an der Probe teilnehmenden Personen ergab folgendes Ranking der Weine: Von den Weißweinen war der Riesling knapper Sieger vor dem weißen Rioja. Bei den Rotweinen siegte der Malbec klar vor dem Trincadeira und dem 2007er Enira. Doch bei der Wahl zum überraschendsten Wein gab es ein ganz klares Votum: Der 2010er Marselan aus China war ein echter Überraschungscoup!

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