Enttäuschung? Entwicklung. Erlebnis! Richebourg 1996 Romanée-Conti

28.10.2013

Meine Erwartungen waren hoch, als ich gestern beschloss, eine besondere Flasche aus meinem Keller zu öffnen: Der 1996er Richebourg der Domaine Romanée-Conti sollte eigentlich auf dem Höhepunkt seiner Entwicklung angekommen sein und feinsten Pinot Noir Genuss bieten. Die Flasche Nummer 13207 (von 15.330 produzierten Flaschen) schlummerte schon einige Zeit in meinem Keller, war optimal gelagert und äußerlich perfekt. Es sollte ein denkwürdiger Abend werden!

Nach dem Entfernen der Kapsel sah der Korken trocken und unversehrt aus. Doch er ließ sich leicht aus der Flasche ziehen und war komplett - bis auf den letzten halben Millimeter - durchnässt. Kein gutes Zeichen, aber auch kein schlechtes, denn er roch sauber und frisch.

Die Farbe des Richebourg war ein helles, leuchtendes, transparentes Granatrot, deutliches Zeichen eines gereiften Spätburgunders. Ein paar rubinrote Reflexe zeigten an, dass der gute Tropfen wohl durch den feuchten Korken nicht gelitten hatte.

Doch erstes Entsetzen beim Beschnuppern des Weines im Glas: Ich hatte das große Burgunder-Glas aus der Sommelier-Serie von Riedel gewählt, eigentlich ein wunderbares Glas für große Burgunder. Doch ich konnte nur ein höchst eigenartiges, ungewöhnliches Bukett erkennen, das aufgrund seiner unbekannten Aromen nur schwer einzuordnen war. Mottenkugeln, Desinfektionsmittel, medizinische Noten, verrottetes Laub waren zu identifizieren. Nicht gerade etwas, das große Freude hervorruft. Das Glas schied als Ursache aus, denn an dem hatte ich vor dem Einfüllen wie gewohnt gerochen.

Auch der erste Schluck ließ jede Menge Fragezeichen auf meiner Stirn erscheinen. Das soll ein großer Wein sein? Immerhin wird der 1996er Richebourg für einen vierstelligen Euro-Betrag gehandelt! Da erwartet man doch etwas mehr als dieses säuerliche, aufrauende Getränk vor mir, das mich an bitteren schwarzen Tee erinnerte. Frustration pur! Wo war die vielgerühmte Balance, die DRC-Kenner so schätzen? Wo die Finesse, wo die Vielschichtigkeit, wo ein straffer Körper?

Anstelle der Vorstellung eines knackigen, aufregenden Super-Models stellt sich dieser Wein eher wie eine ältliche, leicht angeschrumpelte Dame vor! Immer noch aufgeschlossen und mit dem festen Willen, dem Wein eine Chance zu geben, beschließe ich zu warten. Nach einer halben Stunde der zweite Versuch: Im Duft schon weniger dieser unattraktiven Aromen, aber noch lange nicht schön. Im Mund gesellt sich neben die etwas weniger aufdringliche Säure und das sandige Tannin nun doch etwas Frucht ein. Doch weit enfernt von Freude oder gar Begeisterung, die Hoffnung stirbt zuletzt.

Ich trinke nur selten alleine, schon gar keine großen Weine. Dazu brauche ich Freunde, Weinliebhaber, am besten Freaks, doch heute hatte ich den perfekten Anlass, diese Flasche für mich alleine zu öffnen. Das dankt mir der Wein, denn mit Freunden hätten wir ihn womöglich viel zu schnell als Enttäuschung abgetan. Doch ich habe Zeit und Muse, und widme dem Wein meine volle Aufmerksamkeit.

Ich gieße nach. Der Duft gefällt mir nur wenig besser. Auch ein leichtes Anwärmen mit meinen Handinnenflächen bewirkt nur eine marginale Verbesserung. Kopfschüttelnd überlege ich nach Ursachen, suche nach Lösungen. Aus dem Gläserschrank nehme ich von Zwiesel 1872 aus der Serie Wine Classics das Pinot Noir Glas. Gieße den Wein um, und mag es kaum glauben! Der Richebourg gewinnt sofort an Charme, öffnet sich, präsentiert sich gefälliger, die Fruchtnoten kommen besser zur Geltung.

Was für ein dramatischer Wandel! Minute für Minute gewinnt der Wein an Qualität und lässt erahnen, was in ihm steckt. Doch auch nach dem zweiten Glas bin ich noch weit von der erhofften Euphorie entfernt. Noch immer kann ich nicht plausibel erklären, was der Grund für diese phänomenale Entwicklung ist. Der Sauerstoff, der dem Wein gut tut? Das Glas, das ihn besser zur Geltung bringt? Die inzwischen von 16 auf 18°C gestiegene Temperatur, die die Tannine gefälliger erscheinen lässt? Wahrscheinlich eine Kombination all dieser Gründe!

Das dritte Glas zeigt nun, was für einen großartigen Wein ich da vor mir habe! Schluck für Schluck steigt meine Begeisterung, was nicht am Alkohol liegt. Die Tannine sind immer noch präsent und samtig, fügen sich aber harmonischer in das Gesamtbild ein. Der Pinot Noir gewinnt an Tiefe und Komplexität, es zeigt sich eine feine Erdbeerfrucht, auch Sauerkirschen kommen stärker hervor. Doch ist es seine Mineralität, die fasziniert. Nicht Kraft, sondern Feinheit, nicht Wucht, sondern Verspieltheit, nicht Breite, sondern Tiefe zeichnen den Wein aus. Allmählich kommt er in die Richtung, die ich von großen Burgundern kenne.

Nie habe ich mir mit einem Wein so schwer getan wie mit diesem 1996er Richebourg, nie habe ich mit einem Wein so gekämpft, nie habe ich mich mit einem Wein so intensiv auseinander gesetzt. Geduld, Offenheit, Aufgeschlossenheit, Muse waren erforderlich, ihn zu entdecken, zu entschlüsseln, ihn zu verstehen. Er dankt es mir.

Nach vier Stunden muss ich feststellen: Der letzte Schluck war der beste. Habe ich ihn womöglich zu jung getrunken? Hätten ihm vielleicht noch ein paar Jahre Reife gut getan? Ich werde es nicht überprüfen können, es war meine einzige Flasche.

Text: Frank Roeder MW

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