Der Zauber uralter Garnacha - Cabrida 2009

27.09.2013

Ist das hier tatsächlich ein Weinberg? Oder doch eher eine Bergwiese mit ein paar vergessenen Rebstöcken aus anderer Zeit? Knorrige Reb-Veteranen ragen wie Skulpturen aus vertrocknetem Gras. Kauzige Einzelgänger könnte man meinen, liegen doch oft mehrere Meter zwischen den einzelnen Stöcken und kaum noch erkennbaren Rebzeilen. Kein Pfosten oder Draht zwängt die Pflanzen in Form. Dazwischen Gestrüpp und ab und an ein verirrter Mandel- oder Olivenbaum. Der Boden karg, Granit mit etwas Lehm. Mit einem Weinberg, wie wir ihn aus dem Bordeaux oder der Pfalz kennen, hat das hier kaum etwas zu tun.  Die einzelnen Reben tragen nur ein bis maximal drei Trauben aus kleinen, dickschaligen Beeren. Und doch, nein, gerade deswegen stammt von hier der beste Wein der führenden spanischen Winzergenossenschaft Celler de Capçanes, der „Cabrida“.

Wir befinden uns im Montsant, im Hinterland von Tarragona, wo vor über 2000 Jahren die Römer die ersten Weinberge anlegten. Im Mittelalter galten Montsant und das benachbarte Priorat als beste und wichtigste spanische Weinregion. Und doch ist die DO Montsant eine junge Wein-Region, die ihren eigenständigen DO-Status erst im Jahr 2001 erhielt. Vorher wanderten viele der hervorragenden Trauben in die Weine anderer Anbaugebiete.

Diese Garnacha-Reben hier sind bis zu 100 Jahre alt und wurzeln sehr tief. Mit den extremen klimatischen Bedingungen, insbesondere den brüllend heißen und trockenen Sommermonaten kommen sie bestens zurecht. Sie brauchen diese Bedingungen sogar um zur Höchstform aufzulaufen und bei sehr geringen Erträgen faszinierend konzentrierte und lagerfähige Rotweine zu liefern. So trägt das Flaschenetikett stolz auch den katalanischen Hinweis „Vinges Velles“ – Alte Reben.

Ab einem Alter von 25 Jahren geht der Ertrag bei Weinreben drastisch zurück. Früher hat man aus diesem Grunde die Weinberge nach dieser Zeit gerodet und neu gepflanzt. Quantität ging in vielen Regionen vor Qualität. Dabei steigt die Qualität der Trauben, des Mostes und damit auch des Weines signifikant an, je weniger Trauben ein Rebstock versorgen muß. Die wichtigste Vorschrift in allen Qualitätsanbaugebieten ist deshalb die Limitierung der Erntemenge, je nach Region auf 125 bis unter 40 Hektoliter pro Hektar. Da alte Reben von Natur aus viel weniger Trauben bilden, sind heute alte Weinberge sehr gesucht. Die 100jährigen Garnachas von Capçanes liefern nur lächerliche 12 bis 15 Hektoliter Wein pro Hektar – aber was für einen Wein!

Bei einem Blick auf die Flasche, ziehe ich wieder einmal den Hut vor den spanischen Winzern, die uns in Sachen Design und Marketing immer noch gefühlte 50 Jahre voraus sind. Natürlich ist der Inhalt der Flasche das Wichtigste. Trotzdem ist es doch einfach nur schön, wenn beides sich so hervorragend ergänzt. Die Flasche hat eine ungewöhnlich schlanke Form mit langem Hals, die Kapsel schimmert matt silber, das Etikett zeigt in ebenfalls silbernem Reliefprägedruck auf mattweißem Papier die Skizze einer kleinen Ziegenherde – alles sehr schlicht, aber extrem stylisch und so was von edel.

Im Glas dunkles, funkelndes  Granatrot, beim Schwenken dicke Schlieren, die schon auf die Dichte und Konzentration des Weines hindeuten. Vom ersten Augenblick an verströmt sich ein intensives Bukett von reifen Beeren, dunkleren und würzigen Noten sowie einem Hauch von Rumtopf. Im Mund weich und samtig, trotzdem druckvoll und lang mit feinkörnigen Gerbstoffen. Ansonsten Frucht in perfekter Reife, etwas Vanille, Lebkuchen und würzige Komponenten. Eleganter kann man 15 Volumenprozent Alkohol kaum verpacken! Meine besondere Empfehlung, wenn Sie mal wieder einen besonderen Weinmoment genießen möchten.

Das findet auch der führende spanische Wein Guide Guia Proensa 2013 und gibt 97 von 100 Punkten für den „Cabrida“ 20009: „Frisch und überzeugend, elegant. Reich an feinen Nuancen: schwarze Früchte, dazu Noten von Blumen, Mineralien, Buschland, Tinte, Gewürzen. Ein Wein mit Muskeln und Nerven, konsistent, ausgewogen, schmackhaft und ausdruckstark“.

Text und Foto: Christopher Sistermanns

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