Dornröschenweine wollen wach geküsst werden

29.08.2013

Es gibt Weine, die wie Dornröschen von einem Prinzen wach geküsst werden wollen. Sie sind bildschön, perfekt gereift, doch durch Rosen verborgen. Versteckt sind diese Weine im großen Angebotsdschungel, es fällt zu wenig Licht auf sie, sie finden keine Unterstützung durch Medien oder Werbung. Teils weil die Produzenten zu unbekannt oder zu klein sind, teils weil sie durch lauter schreiende Produkte überhört werden. Diesen Preziosen wollen wir hier ans Licht verhelfen!

Beginnen wir in der ersten Serie mit je drei Weiß- und Rotweinen:

 

Weißweine:

2010 AB OVO Silvaner trocken, Rainer Sauer, Franken

"Aus dem Ei" heißt dieser Wein - AB OVO. Denn er stammt tatsächlich aus einem Ei, genauer einem Betonei. Daniel Sauer hat vor vier Jahren mit diesem Experiment begonnen, einen Teil seiner besten Trauben im Ei zu vergären und auszubauen. Höchst gelungen! Keiner kann uns exakt erklären, warum die Weine aus dem Ei so anders schmecken als ihre Kollegen aus dem Edelstahltank. Tatsache ist, dass sie anders, nämlich viel besser schmecken: Runder, geschmeidiger, stoffiger, fülliger, samtiger. Wer Silvaner mag, wird von dem AB OVO begeistert sein!

 

2011 Schieferkristall Riesling trocken, Karthäuserhof, Ruwer

Für mich einer der schönsten trockenen Rieslinge aus dem Kometenjahrgang 2011. Da muss man lange suchen, um solch einen ausgewogenen, balancierten, leichtfüßigen Riesling mit enormem Tiefgang zu finden. Wenn er dann auch noch zu einem solch günstigen Preis  zu haben ist, fragt man sich verwundert, wieso dieser Riesling im Dornröschenschlaf dämmert. Seien Sie der Prinz, der ihn wach küsst! Und wenn Sie so wie ich einen Faible für halbtrockenen Riesling haben, dann empfehle ich Ihnen auch die feinherbe Variante.

 

2011 Cuvée Classique Blanc, Domaine L'Hortus, Pic Saint Loup

Gute Weißweine aus Frankreichs Süden sind rar. Wenn sie wirklich gut sind, sind sie meist teuer und schwer. Der Cuvée Classique Blanc widerspricht diesem Argument: Er ist nicht schwer, er ist nicht teuer, und trotzdem gut. Das liegt an seiner Herkunft: Pic Saint Loup ist die nördlichste Region im Languedoc und zudem hoch gelegen. Das kühle Klima bewahrt die Frische im Wein, die steinigen Granitböden verleihen ihm seine Mineralität und damit Spannkraft und Vitalität. Herrliche Zitrusnoten, florale Akzente, abwechslungsreiche Aromen von Stachelbeere, Grapefruit, aber auch Aprikosen und Mirabellen machen ihn zu einem JLF-Favoriten. (JLF bedeutet: Je leerer die Flasche umso besser der Wein. In Verkostungen ein untrügliches Qualitätsindiz, erfunden von Andreas März von Merum).

 

Rotweine:

2009 Pinot Noir "Imagine my frustration", Jürgen von der Mark, Baden

Im Stile eines roten Burgunders konzipiert, und daher ganz anders als die meisten deutschen Spätburgunder schmeckend. Jürgen von der Mark MW ist passionierter Burgunderfreak. Für ihn ist das Burgund mit seinen großen Pinots aus Grand Cru und Premier Cru Lagen Ansporn und Leitbild. Im Weinberg ganz auf biologischen Anbau setzend, pflegt er im Weinkeller einen eher minimalistischen Ansatz: Eingriffe nur soviel wie nötig, und so wenig wie möglich. Dadurch unterstreicht er die Jahrgangscharakteristik, was sich auch in der Bezeichnung seiner Weine wider spiegelt. Er gibt seinen Pinots Musiktitel als Namen: Je nach Jahrgang kann das mal eine Arie sein, ein Rocksong, ein klassisches Stück oder auch mal Pop. Eben so wie es zum Wein passt.

 

2009 Vigne di Chiarlo, Michele Chiarlo, Piemont

An dieser Stelle einen Rotwein aus dem Piemont anzubieten mag ein wenig verwundern. Denn die verkaufen sich doch eigentlich ganz gut. Ja, wenn man an Barolo, Barbera oder Dolcetto denkt. Nein, wenn man einen Phantasienamen hat. Dabei wird der Vigne di Chiarlo ausschließlich aus autochtonen (hier beheimateten) Rebsorten gekeltert. Der Qualitätsfanatiker und Grandseigneur Michele Chiarlo gibt ja nicht einfach so mir nichts - dir nichts seinen guten Namen her. Da muss der Wein schon was zeigen: Der Vigne di Chiarlo ist ein charaktervoller, sehr vielschichtiger Wein, von dem jeder, der ihn probiert, begeistert ist. Also, worauf warten Sie!

 

2009 Trincadeira, Cortes de Cima, Portugal

Die Weine von Cortes de Cima sind beliebt und verkaufen sich blendend. Mit einer Ausnahme: Der Trincadeira ist wohl nur aufgrund seines Namens, der gleichbedeutend mit der Rebsorte ist, im Hintertreffen gegenüber seinen Brüdern. Nach dem Motto: "Kenn ich nicht - probier ich nicht" verpassen Sie einen wunderschönen Wein, übrigens der einzige Rote den ich kenne, der nach Aprikosen schmeckt. Doch das ist nur eine Komponente seines Könnens. Perfekt gereifte Frucht, herrlich balanciert, voller Saft und Kraft und dennoch feinsinnig: Ein eher leiser Wein, der zwar auch gut zu vielen mediterranen Fleischgerichten passt, der aber ein perfekter Dialog-Partner sein kann. Wer ihm zuhört und mit ihm spricht, wird ein interessantes Gespräch führen.

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