Neu bei VIF: Das Kultweingut Ravenswood

22.08.2013

"No wimpy wines" - "Keine schwachen Weine". Das ist der Leitspruch eines der renommiertesten und vor allen Dingen kultigsten Weingüter Kaliforniens. Ravenswood hat eine Riesen-Fangemeinde weltweit, und das nicht erst seit gestern! Angefangen hat es in den siebziger Jahren, als Joel Peterson all seine Energie darin setzte, einen Wein zu erzeugen, der mit den besten Gewächsen aus Europa konkurrieren konnte.

Beim Besuch auf dem Weingut erläutert Joel Peterson mir seine Historie, die auf einem ganz einfachen Rezept basiert: Gute Weinbergslagen mit alten Rebstöcken kaufen oder pachten, Fokussierung auf die Haupt-Rebsorte Zinfandel, niedrige Erträge, traditionelle Weinbereitung nach europäischem Vorbild (manch einer würde sie gar archaisch nennen) mit natürlichen Hefen, ausschließliche Verwendung von französischer Eiche für den Holzfassausbau.

Natürlich half ihm enorm, dass sein Dry Creek Zinfandel bei dem weltberühmten Tasting in San Francisco Ende der siebziger Jahre als erster amerikanischer Sieger die besten Weine Europas übertraf. Doch lange blieb sein Weingut eine Boutique-Winery. Erst 1991, mit dem Erfolg des "Vintners Blend Zinfandel", einer Cuvée von Trauben aus mehreren Regionen Kaliforniens und bis heute der wohl beliebteste Wein von Ravenswood, konnte Joel in das heutige Weingut in Sonoma einziehen. Dort fand er ausreichend Platz, Ruhe und den Spirit, Ravenswood zum führenden Erzeuger von Zinfandel zu führen.

Das mystische Logo mit den drei Raben, das der amerikanische Künstler David Lance Goines kreierte, wurde so zum Zeichen für erstklassigen Zinfandel. Wer Joel fragt, warum er denn nicht auch den in den USA so beliebten "White Zinfandel" (einen süßen Roséwein) keltert, wird zu einem Grabstein neben der Kellerei geführt. Dort steht in goldenen Lettern auf dem Grabstein:

"TO ERR IS HUMAN,

BUT TO ZIN IS D'VINE

HERE LIES THE LAST WIMPY WINE

R.I.P"

Was soviel bedeutet wie: "Irren ist menschlich, aber Zinfandel produzieren göttlich. Hier liegt der letzte schwache Wein, Ruhe in Frieden." Mit einem Schmunzeln im immer noch lausbübischen Gesicht meint Joel, dass es wohl eine Flasche White Zinfandel war, die hier beerdigt wurde.

Kein Mainstream, sich nicht den Moden unterwerfen, authentische Weine produzieren. Und doch sind seine Weine gerade deswegen modern, denn sie strahlen Individualität, Charakter und Unangepasstheit aus, und schmecken doch dem breiten Publikum. Was schon den nächsten Widerspruch mit sich bringt: Wie können so beliebte Weine gleichzeitig solch eine Begeisterung auch bei Profis und der internationalen Weinkritik auslösen? Ganz einfach: Sie haben Klasse, sie haben Rasse. Sie haben ausreichend Ecken und Kanten, um unterscheidbar zu sein, sie haben ausreichend Präzision und sind so wenig industriell, dass sie den Charakter Joel Petersons widerspiegeln.

Joel Peterson und Frank Roeder 2013Freundlich, aber bestimmt; bescheiden, trotz des Hypes, der um seine Person gemacht wird; gelassen, trotz Termindruck; in sich selbst ruhend und immer wieder Begeisterung für die eigenen Produkte ausstrahlend. So habe ich ihn im Juli 2013 bei einem Besuch auf Ravenswood kennen gelernt. Er ließ es sich nicht nehmen, persönlich den "Master of Wine from Germany" zu empfangen, mir alles zu erläutern, und natürlich durch eine umfangreiche Probe zu führen.

Es war ein Erlebnis der besonderen Art. Joel beantwortete nicht nur geduldig all meine neugierigen Fragen, er zeigte uns vor allem neben seinen wichtigsten Weinen auch ein paar Schätze, die meinen Verständnishorizont für Zinfandel erheblich erweiterten.

Joel Peterson (im Foto links) gilt als "Godfather of Zin", dessen Geschichte als Weinrevoluzzer in einer Garage begann und ihn zum größten Zinfandel-Produzenten der Welt machte. Während die meisten Zinfandel (ähnlich dem Primitivo) sonst wo einen Alkoholgehalt von 14,5 bis 16,5% (manche gar noch mehr) aufweisen, bewegen sich die Alkoholgehalte der Weine von Ravenswood kaum über die 13,5% hinaus. Auf die Frage nach seinem Geheimnis antwortet Joel gelassen: Gute Lagen, alte Rebstöcke, eine frühe Lese, nur weinbergseigene natürliche Hefen und auf keinen Fall gewaltsame Alkoholreduzierung mit Spinning Cone oder Verwässerung durch Zugabe von Wasser (in Kalifornien erlaubt). Auch wenn er zugibt, letzteres im Jahr 1999 einmal getan zu haben, lehnt er solche Maßnahmen ab, weil er das Reifepotenzial seiner Weine dadurch gefährdet sieht.

Es erleichtert, dass das Sonoma Valley deutlich kühler ist als das Napa Valley wegen der größeren Nähe zum Meer und vor allem zur San Francisco Bay, deren Nebelschwaden das Napa Valley eher verlassen als Sonoma. Dennoch sind einige der Einzellagen aus dem Napa, und die Masse seiner Trauben bezieht Joel aus dem eigentlich heißen Central Valley. Doch dort, so Joel, liegen seine Rebflächen in einem 16 Meilen breiten Streifen, durch den die kühlen Winde von der Bay kommend Richtung Sacramento ziehen, so dass die Lese in Lodi im Central Valley selten mehr als eine Woche früher als in Napa beginnt.

Die beiden attraktivsten Publikumsweine, der Vintners Blend und der Lodi Old Vine, beruhen mehrheitlich bzw. ganz aus der Frucht aus dem Central Valley. Dennoch zeigen auch diese beiden Einsteigerweine eine unglaublich lebhafte, reife Säure bei moderaten 13,5% Alkohol, die die Weine süffig und charmant macht. Diese beiden Weine, mit einem von 9,95 bzw. 13,50 €, kann man getrost als Publikumsweine bezeichnen, die nach weit mehr schmecken als sie kosten.Richtig spannend wird es aber erst bei den Lagenweinen, in denen Joel die unterschiedlichen Terroirs zum Ausdruck bringt. Das liegt zum einen am biblischen Alter der Reben, aber auch an der Zusammensetzung der Rebsorten dort. Wie im vorletzten Jahrhundert üblich sind die Parzellen eben nicht nur mit einer Sorte bepflanzt, sondern gleich mit mehreren. Es überwiegt zwar mit jeweils mehr als 75% der Zinfandel, dort finden sich aber auch Sorten wie Petite Sirah (die bis in die 60er Jahre vorherrschende Sorte in Napa - bis Cabernet Sauvignon in Mode kam), Carignan oder Alicante Bouchet. Wir haben gleich mehrere dieser Lagenweine verkostet, kleine Parzellen aus Napa, Mendocino, Sonoma etc. mit entsprechend niedriger Produktionsmenge, so dass nur wenige dieser Weine überhaupt in Europa verfügbar sind.

Tasting bei RavenswoodJoel wollte natürlich auch zeigen, dass Zin reifen kann und servierte einen 2005er Teldeschi Vineyard (im Bild links), der unglaublich jung und dynamisch wirkte. Er hatte als einziger Wein 15,5% Alkohol, wirkte aber keineswegs mächtig oder gar plump, sondern wunderschön balanciert und frisch. Dieser Wein ist einer der wenigen Lagenweine, die in Europa erhältlich sind. Alleine das orgiastische Bukett lohnt den Kauf einer Flasche.

Dann wollte Joel mich testen und kramte aus seiner Schatzkammer einen unetikettierten Wein hervor und wollte von mir das Alter wissen. Der Wein war deutlich über den Horizont, mit einem Bukett voller Aromen von Waldboden, Champignons und tertiären Aromen. Dennoch zeigte er am Gaumen eine spannende Struktur, die sich von Minute zu Minute änderte. Nun habe ich gar keine Erfahrung mit alten Zinfandel und konnte mich nur auf meine Erfahrung mit alten Weine aus anderen Herkünften verlassen. Mit meiner Schätzung von 25 Jahren traf ich den 1987er Cookie Sonoma Zinfandel fast genau, und Joel war begeistert.

Der schönste Wein namens ICON, ein Blend aus vielen Rebsorten uralter Stöcke und somit ein TRUE CALIFORNIAN WINE, ist leider in Europa nicht erhältlich.

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