Winzer-Genies, Teil 3: Geoff Merrill, Mc Laren Vale, Australien

01.12.2012

Es gibt Winzer, deren Weine so spektakulär sind, dass sie dem ambitionierten Weinliebhaber schier den Atem rauben. Geoff Merrill ist solch ein Winzer, der nicht nur mit hoch attraktiven Alltagsweinen glänzt, die ein faszinierendes Preis-/Genussverhältnis aufweisen. Nein, er kann auch im absoluten Top-Segment überzeugen: Sein Henley Shiraz, der nur in in Spitzenjahren produziert wird, ist einer der ausgewogensten, aufregendsten und spannendsten Weine, die wir je aus Australien getrunken haben.

Meinen ersten Kontakt mit den Weinen von Geoff Merrill hatte ich Mitte der 90er Jahre, als die Weine aus Down Under und den anderen Überseeländern so richtig en vogue waren. Australien boomte, und die australischen Winzer feierten einen Export-Erfolg nach dem anderen. Anlässlich einer groß angelegten Präsentation australischer Weine gefielen mir die von Geoff Merrill vom ersten Schluck an, denn sie waren anders. Es waren kein laut schreienden, parfümierten, aufdringlichen, überladenen Weine wie viele andere. Sie waren geradezu frisch, und gingen im lauten Konzert der holzbelasteten, geschminkten Weine fast unter.

So ist es bis heute geblieben: Noch immer schneiden Geoff Merrills Weine in Vergleichsverkostungen tendenziell schlechter ab, als sie es verdient hätten. Doch gibt es immer mehr Verkoster, die den Weinen ihre volle Aufmerksamkeit widmen und dann deren Stärke, nämlich ihre Ausgewogenheit und Feinheit, ihre Eleganz und Finesse erkennen, und inzwischen auch angemessen benoten. James Halliday ist solch ein Kritiker, der wohl wichtigste und erfahrenste aller Kritiker australischer Weine. Was Eichelmann für Deutschland ist James Halliday für Australien. Sein Wine Campanion gilt als die Bibel australischer Weine, der als meistverkaufter Führer am kompetentesten und am umfassendsten über die Weine Australiens berichtet. Siehe auch www.winecompanion.com.au

Geoff Merrill wird seit vielen Jahren im jährlich neu erscheinenden Australian Wine Companion als 5 Sterne Betrieb geführt, mit regelmäßigen Top-Bewertungen. James Halliday hat dort einen Satz formuliert, der Geoff Merrill als Person nicht besser beschreiben kann: "Wenn Geoff Merrill je seinen verschmitzten Humor oder seine Lebensfreude verlieren sollte, dann werden wir alle ärmer sein!" Tatsächlich ist dieses Urgestein australischer Winzer ein Unikat, eine Persönlichkeit, die anscheinend nichts aus der Ruhe bringen kann, der vor Lebensfreude nur so sprüht, der stets ein gewinnendes Lächeln im Gesicht trägt, der mit seiner gewinnenden Art und seiner ansteckenden Heiterkeit ein Garant für gute Laune ist. Ein Mensch, der trotz aller Erfolge mit beiden Füßen auf dem Boden bleibt, bescheiden ist, zurückhaltend und eher leise: wie seine Weine.

Als ich das erste Mal 2005 das Weingut im Mc Laren Vale besuchte, fand ich viele meiner hoch gesteckten Erwartungen bestätigt: Die Weine kannte ich ja nun schon seit vielen Jahren, war vertraut mit ihrer Qualität und ihren Stärken. Die Flaschen tragen schon seit dem Start des Weinguts im Jahre 1980 eine stilisierte Waage auf dem Etikett, die Symbol für die Ausgewogenheit der Weine sein soll. Genauso ausgeglichen, balanciert und im Gleichgewicht fand ich ein Weingut vor, das trotz der Lesevorbereitungen ohne jede Hektik war, mit gut gelaunten Mitarbeitern, voller Gelassenheit und innerer Ruhe. Solche Dinge werden dem Besucher nicht sofort bewusst. Auch mir, der schon hunderte von Weingütern, auch etliche australische, besichtigt hat, wurde erst im Nahhinein klar, dass hier etwas anders ist. Es ist der Spirit, die Ausstrahlung der Menschen, der Flair, die Unaufgeregtheit, die so wohltuend wirkt, dass man sie dankend annimmt, ohne sich selbst darüber bewusst zu sein.

Diese Unaufgeregtheit, diese Ausgewogenheit, diese Balance strahlen auch die Weine aus. Obwohl dicht und konzentriert ist nichts zuviel an ihnen, und fehlen tut ihnen schon gar nichts. Der Renner ist natürlich der Pimpala Road Shiraz, ein lebhafter, junger Bursche voller Vitalität, animierender Frische, saftiger Fruchtigkeit, und einem Portemonnaie-schonenden Preis. Herrlich die Erinnerung an den 2004er, der im großen, weltweit angelegeten Test des FEINSCHMECKER der mit Abstand preiswerteste Syrah war (mit damals 7,95 € als einziger Wein unter 30 €) und selbst Klassiker wie den Hermitage (der ein zig-faches kostete) auf die Plätze verwies. Ein Wein, der die Herzen und Gaumen unserer Kunden im Sturm eroberte, der eine riesige Fangemeinde hat, die ihn Jahr für Jahr mit Begeisterung immer wieder kauft. Ein Wein, der auch jedes Jahr immer noch ein klein wenig besser wird.

Genauso beeindruckend auch der Pimpala Road Chardonnay, der nicht ganz so erfolgreich in Bezug auf verkauften Flaschen ist, aber in der gleichen Machart wie sein roter Bruder begeistert. Bei beiden Weinen glaubt man ja zunächst an einen Ausbau im Barrique, was aber bei diesem Preisniveau nicht sein kann. Kein Stückchen Holz haben die beiden gesehen, auch keine Chips oder Teebeutel mit Holzpulver. Sie beziehen ihre Struktur aus der perfekten Reife der Trauben, aus den niedrigen Erträgen, und beeindrucken daher vom ersten Schluck an. Der Name Pimpala Road stammt übrigens von der Adresse des Weingutes: Die Pimpala Road führt von der Hauptstraße in Woodcroft direkt zum Weingut und die Rebflächen liegen links und rechts der Straße.

Eine Klasse für sich auch der Mc Laren Vale Shiraz, der wiederum im Barrique ausgebaut ist. Doch das ist nicht der einzige Unterschied zum Pimpala Road Shiraz: Die Beeren stammen von wesentlich älteren Rebflächen im Mc Laren Vale, und werden nach der Lese von Hand selektiert. Nur perfekt gereifte Beeren, die kerngesund sein müssen, finden ihren Weg in diesen kraftvollen, intensiven Wein. Der rund 20 monatige Ausbau in Barriques aus französischer und amerikanischer Eiche verleiht ihm nicht nur eine superbe Struktur, sondern besänftig auch die üppigen Gerbstoffe, macht sie weich und geschmeidig.

Eine Besonderheit ist sicher der Shiraz-Grenache-Mourvèdre, nicht wegen seiner Rebzusammensetzung, sondern wegen seiner ungewohnten Frische und Lebhaftigkeit. Diesen Wein würde in einer Blindverkostung kaum jemand nach Australien stecken, sondern eher an die Rhône. So europäisch mutet er an! Die alten Grenache und Mourvèdre Stöcke sorgen für eine Tiefe in dem Wein, die etwas jüngeren Shiraz Stöcke, die früh gelesen werden,für die knackige Säure, die den Wein so erfrischend macht.

Der Reseve Shiraz gilt als eine Ikone der australischen Weinwelt. Regelmäßig heimst er bei James Halliday Bewertungen im oberen 90er Bereich ein, aktuell 96 Punkte für den 2004er. Wenn man dann seinen Preis für unter 30 € betrachtet, mag man kaum glauben, dass man für so wenig Geld so viel Wein erhalten kann. Er reift 28 Monate in zum überwiegenden Teil neuen Barriques aus französischer und amerikanischer Eiche. Trotz opulenter Struktur wirkt er nie breit, er ist zwar muskulös, aber nie überladen. Wer die Website von Geoff Merrill öffnet, wird mit der Kapsel seiner Weine begrüßt, auf der die genannte Waage abgebildet ist. Darüber erscheint dann der Schriftzug: THE PERFECT BALANCE. Wer den Reserve Shiraz kostet, versteht sofort diese Botschaft.

Der Reserve Chardonnay, in zum Teil neuen, zum Teil 1 Jahr alten Barriques aus französischer Eiche vergoren und 9 Monate lang ausgebaut, kann es qualitativ mit großen weißen Burgundern aufnehmen. Geschmacklich ist er allerdings klar anders: Viel opulenter, cremiger und fülliger die Frucht, doch auch hier wunderbar im Gleichgewicht, nicht überladen oder übertrieben, mit exakt dem richtigen Maß an Säure, um die Balance zwischen Frische, Fülle und Tiefe zu wahren.

Geoff Merrill

Ein Kleinod, rar und gesucht, schließlich der Henley Shiraz, von dem wir gerade einmal 60 Flaschen für Deutschland erhalten. Ein Meisterstück, ein Gänsehaut-Wein, ein Blockbuster, so perfekt, dass man nichts mehr verbessert haben möchte. Ein Wein, der den Genießer auf Wolke sieben schweben lässt. Dabei ist er nichts anderes als eben mal die zehn besten Fässer, die sich im Keller finden ließen. Er wird nur in Spitzenjahrgängen erzeugt, und hat ein Alterungspotenzial von sicher zwanzig Jahren. Danach wird man sehen müssen, falls man es übehaupt schafft, auch nur eine Flasche solange im Keller ruhen zu lassen.

Der Cricket-Fan und Golfspieler Geoff Merrill sucht auch im privaten die perfekte Balance, und ich beneide ihn um die Kunst, auch für die Familie viel Zeit und Aufmerksamkeit zu finden, indem er einfach mal Dinge sein lässt, auch wenn sie für andere dringlich erscheinen.

Aus der Serie Winzer-Genies sind außerdem erschienen:

Teil 1: Alvaro Palacios

Teil 2: Egon Müller zu Scharzhof

Text: Frank Roeder MW

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