Kaum bekannte Rebsorten (7): Tannat

23.11.2012

Die Rebsorte Tannat erbringt kraftvolle, gerbstoffbetonte, tiefdunkle fleischige Weine von beeindruckender Statur hervor. Sucht man in der Welt der Rebsorten jene mit dem Namen Tannat, wird man schnell im Südwesten Frankreichs fündig. Das alte Örtchen Madiran, heute auch bekannt als eigenständige Appellation, gilt symbolhaft als Wiege dieser dunkelbeerigen Sorte. Seit jeher ist sie an den auslaufenden Hängen der Pyrenäen beheimatet und heute über diese Anbaugrenzen hinaus bekannter denn je.

Tannat gedeiht am besten in Hanglagen, da er im flachen Gelände dazu tendiert nicht vollständig auszureifen und ihm somit Körper sowie Farbe fehlen. Es ist eine sehr wuchskräftige Rebsorte. Besonders ihr Wurzelwerk kann erstaunliche Ausmaße annehmen, wodurch sie sich nicht für kleine Standräume eignet und somit eher weiträumig gepflanzt wird. Sie treibt spät aus und wenn man so will, können hohe Erträge erzielt werden. Ein ganz entscheidender pflanzenbaulicher Vorteil liegt jedoch in ihrer Resistenz gegenüber Pilzkrankheiten. In Zeiten eines stetig steigenden Augenmerks für biologisch betriebenen Anbau ein wichtiges Argument für die Sorte. Schmecken sollte der Wein aber auch noch, bei aller Liebe zu Biodiversität und Gesundheitsbewusstsein. Und das tut er, man muss sich nur ein wenig auf die Suche machen.

Sieht man sich die reifen auf beiden Seiten geschulterten Trauben genauer an, fällt die geschlossene Kompaktheit auf. Die eher kleinen dunkelvioletten Beeren liegen dicht gepackt beieinander und kratzt man die Beerenhaut an, wird man schnell feststellen, später einen  sehr farbintensiven Wein im Glas haben zu werden. Der potentiell recht hohe Fruchtzuckergehalt macht diese Weine dementsprechend alkoholstärker. In diesem Fall jedoch nicht unbedingt zum Nachteil, denn seine feste Struktur erlaubt gleichwertig intensive Mitspieler.

Im Geschmack zeigt sich der Tannat zu Beginn häufig sehr maskulin, fast adstringierend und von Tanninen geprägt. Es gibt übrigens die verbreitete Vermutung, sein Name könne mit dem offensichtlich hohen Gehalt dieses für Rotwein so wichtigen Inhaltsstoffes zusammen hängen. Möglich. Jedenfalls profitiert er nicht unerheblich von Luftzufuhr und wandelt sich dadurch in weichere Gefilde. Praktiziert wird dies, der Mikrooxidation sei Dank, in der Regel mit langen Ausbauzeiten im Holzfass. Ein guter Wein aus Tannat ist meist würzig und besitzt  ein interessantes inneres Spiel. Häufig wird er auch verschnitten und gibt Struktur und Halt.

VIF hat zwar (noch) keinen Madiran im Sortiment, wohl aber 2 Weine aus dem Südwesten Frankreichs: Der Tannat-Merlot ist ein überaus trinkiger, süffiger Wein, in dem Tannat eine wesentliche Rolle spielt. Der ONE Tannat zeigt höchst eindrucksvoll das Potenzial dieser Rebsorte auf, wenn sie modern - sprich mit Luftzufuhr - vinifiziert wird: Geschmeidig, samtig-weich, mit großer Fülle, durch den Ausbau im Barrique mit der nötigen Struktur versehen bietet er ein langes, komplexes und attraktves Finale.

Und sollte es Sie einmal nach Uruguay verschlagen, wird man Ihnen als landestypische Weinspezialität mit großer Wahrscheinlichkeit einen Tannat (dort mit dem Synonym Hariague) einschenken. Baskische Auswanderer brachten ihn im 19. Jahrhundert mit und ließen die Rebfläche bis heute auf mehrere tausend Hektar anwachsen, so viel wie in keinem anderen Land der Welt. Und was sagt man in Madiran dazu? Wahrscheinlich "C´est la vie"!

In der Rubrik "Kaum bekannte Rebsorten" sind bisher erschienen:

Teil 1: Falanghina

Teil 2: Mencia

Teil 3: Glera = Prosecco

Teil 4: Muskattrollinger

Teil 5: Negroamaro

Teil 6: Vermentino

Text: Christoph Brandel

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