Master meint: Frank Roeder MW schreibt in VINUM über die Faszination Riesling

03.05.2012

In der neuesten Ausgabe der Weinfachzeitschrift VINUM (Ausgabe Mai 2012) schreibt Master of Wine Frank Roeder über die Faszination restsüßer Rieslinge. In der Rubrik «Master meint» der Zeitschrift VINUM schreibt jeden Monat ein Master of Wine oder Master Sommelier über ein Thema, das ihn freut oder aufregt, inspiriert oder nervt. Sie können den kompletten Artikel per Klick auf untenstehenden Link laden oder nachfolgend lesen:

Es kommt nicht oft vor, dass ich mir eine grössere Menge eines einzelnen Weines für meinen
privaten Keller kaufe. Zwölf Flaschen sind schon eher die Ausnahme. Denn einerseits schätze ich die Vielfalt, andererseits habe ich als Fachhändler nahezu unbegrenzte Möglichkeiten, diese
Vielfalt zu nutzen. Eine der ganz wenigen Ausnahmen erlebte ich vor ein paar Jahren an der Saar.

Auf meinem Gaumen tanzte ein Wein, der mich tief in meiner Seele berührte – Gänsehaut pur. Ein untrügliches Zeichen für einen grossartigen Wein! Solch eine geschliffene Klarheit und faszinierende Präzision der Aromen, solch ein komplexes Spiel der Mineralität mit der Frucht, solch eine Tiefgründigkeit bei gleichzeitiger Leichtigkeit (8 Vol.-% Alkohol) erlebt man nur bei wenigen Weinen. Der restsüsse Riesling vom Kanzemer Altenberg, einer monumentalen Steilwand mit Schieferverwitterungsböden, den ich zusammen mit der Besitzerin des Weinguts von Othegraven, Frau Dr. Kegel, verkostete, hatte Folgen. Das Alterungspotenzial erleichterte meine Entscheidung: 60 Flaschen der 2005er Riesling Spätlese Altenberg Erste Lage mussten sofort in meinen Keller.

In Fachkreisen wird fruchtsüsser Riesling geschätzt, ambitionierte Sommeliers und Weinfreaks kennen die Qualität. Doch das Missverhältnis zwischen Qualität und Kaufbereitschaft verblüfft: Kaum jemand kauft solche Weine, zumindest in Deutschland. Hier reiten wir immer noch auf der Trockenwelle, während der überwiegende Teil dieser Weine in den Export gelangt. Dabei sollte schon
das Verhältnis zwischen exorbitanter Qualität und günstigem Preis Weinkenner aufhorchen lassen.

Das war einmal anders. In Weinkarten aus dem ersten Viertel des 20. Jahrhunderts waren die teuersten Weine Rieslinge von Saar und Mosel. Die Preise lagen weit über denen von Haut-Brion, Palmer oder Mouton-Rothschild. Riesling war die Königin der Weinwelt, und die Könige tranken Riesling. Keine andere Rebsorte ist in der Lage, mit so wenig Alkohol so viele Aromen zu transportieren, so exakt das Terroir widerzuspiegeln. Um dieses Alleinstellungsmerkmal beneidet uns die Welt, zu Hause wird das mehr oder weniger ignoriert. Kaum jemand weiss, dass der teuerste Weisswein der Welt aus dem Anbaugebiet Mosel kommt, genauer von der Saar. Eine Scharzhofberger Riesling-TBA aktuellen Jahrgangs von Egon Müller kostet mehr als 4000 Euro.

Das Anbaugebiet Mosel mit seinen beiden Nebenflüssen Saar und Ruwer bietet einen unverwechselbaren Riesling-Stil. Das kühle Klima mit seinen langen Reifezeiten und die kühlen Nächte im Herbst gestatten es der Rebe, weit mehr Aromen in die Beeren einzulagern als andernorts. Der Alkohol bleibt niedrig, die Säure frisch. Mit der animierenden Frische paart sich die elegante Fruchtsüsse aufs Feinste. Dieses delikate Süsse-Säure-Spiel bei gleichzeitiger – im besten Fall salziger – Mineralität ist einzigartig!

Lasse ich Freunde, Kollegen oder Weinliebhaber von meinem kleinen Schatz probieren, sind alle begeistert, viele sind genauso elektrisiert wie ich. Meist präsentiere ich den Wein zum oder nach dem Dessert. Dann steht er dem grossartigen Bordeaux oder Burgunder in nichts nach. Alleine geniesse ich ihn als Meditationswein, und wundere mich immer wieder, wie schnell sich doch eine Flasche leeren kann. Schon bald muss ich nachkaufen, wozu sich der Jahrgang 2011 ähnlich gut eignet wie der genannte 2005er.

Gute Alternativen zum genannten Wein finden sie rechts nebenstehend.

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