Beileibe kein Reservist:
La Réserve de Léoville-Barton 2008

14.12.2011

Anthony Barton, Grandseigneur aus dem Médoc mit irischer Abstammung, liebt das Understatement. Auf die Frage, warum er seine erstklassigen Weine nicht teurer verkauft, wo doch alle seine Nachbarn kräftig an der Preisschraube drehen, antwortet er süffisant: "Ach wissen Sie, ich kann immer nur ein paar Schuhe tragen. Und dafür reicht mein Einkommen." Genau solch eine Art von Understatement ist auch der Zweitwein von Léoville-Barton, der Réserve de Léoville-Barton.

Kein Lautsprecher, keine Wuchtbrumme, kein Effekthascher. Sondern feinste St. Julien Stilistik, mit vornehmster Zurückhaltung, elegant und klassisch im besten Sinne des Wortes. ACHTUNG: Wenn Bordelaiser das Wort "klassisch" für eine Weinbeschreibung - oder noch schlimmer eine Jahrgangsbeschreibung - in den Mund nehmen, ist höchste Vorsicht angesagt! Meint man damit meist ausgeprägte, grobe Tannine, die den Gaumen aufrauen, und selten mit der kaum vorhandenen Frucht harmonieren.

Doch in diesem Falle meine ich mit klassisch eher die noble Ruhe und Gelassenheit eines in Würde gereiften Bordeaux, dessen Ausgewogenheit erhaben ist, dessen Klasse einer gewissen Zurückhaltung entspringt und der durch die Feinheit und Balance seiner Aromen glänzt. Wie kann es aber sein, dass solch ein junger Wein wie der 2008er Réserve de Léoville-Barton nun diese klassische Noblesse ausstrahlt?

Fragen Sie mich etwas Leichteres! Auf jeden Fall ist die Frucht dieses 2008er perfekt gereift und doch in die Struktur des Weines eingebettet, dass sie einfach nur schön ist, ohne weiter aufzufallen. Die Tannine sind so feinkörnig, dass sie wie ein feiner sandiger Fluss am Gaumen fließen. Sofort fällt mir das Wort Seide ein, oder noch besser, um im Bild zu bleiben, ein seidiges Nachthemd, das den Körper einer hübschen Frau umfließt. Die Wirkung ist ungeheuer, obwohl man doch mehr erahnen als entdekcen kann. Die Eleganz und Schönheit sind aber so stimmig, dass die fehlende Transparenz überhaupt nicht störend wirkt, sondern zum Entdecken einlädt.

Man schließe also die Augen, lasse den Wein am Gaumen entlang rollen, bewege ihn immer wieder vor und zurück, taste sich sozusagen immer näher an seine Geheimnisse, und man wird berührt sein von der Subtilität und Harmonie der vielfältigen Aromen. Johannisbeere und Lorbeer, Wacholder und Bitterschokolade, feinste Röstaromen und dezente Tahiti-Vanille, Darjeeling-Tee und Lakritze, ein Wechselspiel, das permanent Veränderungen unterliegt. Ausgewogenheit dürfte das Geheimnis dieses Weines sein, denn all diese Aromen finden ihre Ergänzung in einer äußerst feinen Struktur.

Sicher kein Powerwein, kein Kraftprotz und kein machtvoller Blender, sondern Bordeaux wie es schöner kaum sein kann. Und der Preis ist genauso attraktiv!

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