Faszination Rioja: Mehr als 1.000 Jahre Rioja in einer Probe!

21.03.2015

Diese Raritätenprobe hatte es in sich! Zwanzig große Riojas, aus den besten Jahrgängen, der jüngste bereits 45 Jahre alt. Zählt man die Jahre der Reife zusammen, wird die Zahl 1.000 deutlich überschritten. Es waren magische Momente, wie es sie in dieser Kombination kaum mehr wieder geben dürfte! Der Saarbrücker Rioja- Experte und Sammler Norbert Lappas hatte eine alles überragende Probe zusammengestellt, und man darf sich glücklich schätzen sagen zu können: "Ich war dabei!"

Los ging es mit einem Weißen Rioja: Der Castillo Ygay Gran Reserva Blanco 1946 war eine Einstimmung auf das Thema und sollte daran erinnern, dass auch weiße Rioja reifen können, manche gar reifen müssen. Seine Bernstein-Mahagoni-Farbe ließ schon vermuten, dass der Wein seinen Zenit schon lange überschritten hatte. Das ätherische Bukett nach Kastanien, Nüssen und schwarzem Tee erinnerte an einen alten Sherry. Am Gaumen war zwar noch eine Säurespannung vorhanden, aber Oxidation hatte ihm zu sehr zugesetzt. Daher keine Wertung.

Ganz anders bei dem zweiten weißen Rioja: Der aus den 30er Jahren stammende Paternina Gran Reserva Blanco (die letzte Ziffer auf dem Etikett war nicht mehr lesbar) zeigte sich in heller, jugendlicher goldgelber Farbe. Das Bukett eher verhalten mit Kräuterwürze, Kamille und Fenchel war von laktischen Noten durchsetzt und wurde mit zunehmender Belüftung immer interessanter. Am Gaumen passierte aber nicht viel. Auch wenn die Meinungen über diesen Wein weit auseinander gingen, konnte ich ihm kaum etwas abgewinnen, daher auch hier keine Wertung.

Nun kamen die Roten: Die 1959er Gran Reserva Glorioso von Palacio zeigte Reife schon in der Farbe mit einem hellen Granat-Ziegelrot. Das Bukett zeigte leider Mufftöne, Geranien, verrottete Pilze, welkes Laub, wurde aber mit Belüftung immer besser. Dann viel Jod. Muffig leider auch am Gaumen, ein leichter Korker machte sich bemerkbar, Bitternoten und trocknende Gerbstoffe prägten den Abgang.  Schade.

Doch Sie sollten weiter lesen: Ab jetzt wurde es richtig Klasse!

Die 1964er Gran Reserva "Excelso" von Franco-Espagnolas zeigte ein hell leuchtendes Granatrot mit rubinen Reflexen. In der Nase ein sehr klares, zartfruchtiges Himbeerbukett, begleitet von Hagebutte, Sanddorn und Kräutertee. Auch am Gaumen eine sehr delikate, feine saftige Himbeerfrucht mit attraktiver Würze, verspielt, eine schöne Säurelinie, lang und mit zartem Druck im Finale. Sehr schön zu trinken, gefällt. 90 Punkte.

Ein echtes Highlight dann der 1950er Gran Reserva "Excelso" von Franco-Espagnolas mit dunklem, tiefem Granatrot. Aus dem Glas strömt ein grandioses, intensives und hoch-komplexes Bukett nach Tabak, Wildfleisch, Toast und Röstaromen. Er startet fest und griffig am Gaumen mit spektakulär viel Frucht und Würze, genial feinen Tanninen und tollem Säurespiel. Mit Druck und Grip im Finale, das macht große Laune. Hier ist sich die Truppe einig: Bisher der beste Wein. Meine persönliche Wertung: 95 Punkte. Nicht schlecht für einen 65 Jahre alten Wein!

Damit konnte die Paternina Gran Reserva aus 1928 nicht mithalten. Trotz jugendlichem Rubinrot mit Granatreflexen und schönem Bukett nach Tabak, Vanille, frisch geschnittenem Eichenholz und sahniger Süße hielt er nicht am Gaumen was er zuvor versprach. Scharf und bissig die Säure wegen fehlender Frucht, die Tannine leicht spröde und trocknend. Dennoch waren mir die Struktur und das Gesamtbild 91 Punkte wert.

Besser war vom gleichen Weingut Paternina die Gran Reserva aus 1948: Mittleres Granatrot. Attraktive Nase nach Heu zarter Kirschfrucht, fein und verspielt, auch etwas Hagebutte. Faszinierend die noch präsente Kirschfrucht mit feinem Tanninbiss und delikater Säure. Dieser Wein hat noch Zukunft und hält sich auf diesem Niveau noch eine Zeitlang. 92 Punkte

Es wird immer besser, Norbert hat diese Probe mit viel Kenntnis und Verstand aufgebaut. Die 1952er Reserva von Marques de Riscal zeigt eine helles Granat-Rubin.Die hoch-feine, elegante und komplexe Nase offeriert Sanddorn, Hagebutte, schwarzen Tee und Himbeermark. Sehr gefälliger, zartfruchtiger Auftakt am Gaumen, fein, elegant, aber mit leichtem Körper. Leicht minzige Noten deuten auf den bei Riscal in dieser Zeit hohen Anteil an Cabernet Sauvignon hin, auch die delikaten Gerbstoffe bestätigen das. Verspielt, tänzelnd, ein leichtgewichtige Schönheit mit harmonischem Finale. Eher eine Schönheitswertung: 93 Punkte.

Wie eine Granate schlägt die 1925er Reserva von Marques de Riscal ein! Das dunkle Granatrot mit tiefem Kern weist schon auf eine perfekte Flasche hin. Das zunächst zurückhaltende Bukett öffnet sich langsam und duftet mit seinen Noten nach Heu, Sattel und Erde eher wie ein gereifter Bordeaux. Ob das von dem hohen Anteil an Cabernet Sauvignon kommt? Ein sehr kompakter, griffiger Auftakt am Gaumen mit viel Würznoten, Lakritze und Cassis bei leichtem Tanninbiss ist großartig, ordentlicher Druck am Gaumen, sehr sehr lang . Das hoch komplexe Finale darf man als vibrierend bezeichnen, mit jedem Schluck wurde der Wein besser! Er erscheint unkaputtbar, aber die Flasche war auch wirklich perfekt. 96 Punkte, und ich verspreche, es wird noch deutlich mehr.

Die 1928er Vieja Reserva von Bilbainas zeigte ein sehr dunkles, bräunliches Granat. Die Befürchtung wurde durch das madeirisierte Bukett mit nussigen und rosinigen Noten bestätigt. Trotz des süßlich wirkenden, sehr extraktreichen Auftakts mit viel sprödem Tannin und kraftvollem Körper war der Wein oxidiert. Die Todessüße konnte den aufgespritet und alkoholisch wirkenden Körper nicht mehr retten. Keine Wertung.

Halbzeit!

Leider war auch die 1970er Gran Reserva Tondonia von Lopez de Heredia komplett oxidiert, trüb, bräunlich und total hinüber. Schade, denn gerade von diesem Wein hatten sich alle besonders viel versprochen.

Macht nichts. Der gleiche Wein aus dem Jahrgang 1964 Gran Reserva Tondonia von Lopez de Heredia machte alles wieder wett. Intensiv leuchtendes Granat-Rubin. Unglaublich tiefe, dichte und jugendliche Powernase mit dunkelbeeriger Frucht, Leder, Wild, dann ins rotbeerige changierend. Herrlich kraftvoller Auftakt mit viel Frucht und massiv viel Gerbstoffen, kalkig-mineralischem Spiel. Leicht trocknendes Finale mit ordentlich Druck und Noten von Kaffee, Nüssen und pikanter Würze. Ein eher schlanker Wein, fast schon puristisch, aber mit hervorragendem Bau. Tolle Struktur, es fehlt vielleicht etwas Fleisch an den Knochen. 95 Punkte, für einige der Teilnehmer sogar noch höher einzustufen.

Die 1947er Gran Reserva Tondonia von Lopez de Heredia wirkte in der Farbe mit einem leuchtenden, dichten Granat jung und lebendig. Im Duft intensive Kaffee und Röstaromen, auch Heu, etwas staubig, kalte Asche, aber es entwickelt sich positiv. Der Geschmack wirkt deutlich gezehrt, viel blumige Noten, sehr karg, war sicher mal deutlich besser, jetzt nur noch von der Struktur geprägt mit kalkig-kreidigen Tanninen, deutlich über dem Zenit. Dennoch interessant und mit 93 Punkten belohnt.

Der 1952er Monte Real der Bodegas Riojanas zeigte nur noch Friedhof-Geranien und war hinüber.

Es folgen nur noch Highlights! Los geht es mit der 1952er Reserva Especial von CVNE Viña Real. Das leuchtende, dichte und klare Ziegel-Granat lässt schon hoffen. Eine opulente, fantastische Nase nach reifen Beeren, Wild, viel Tabak und Zedernholz zeigt auch leicht medizinale Noten. Der generöse Stil spircht alle an! Eine super-leckere Beerenfrucht wirkt einnehmend und reif, sie wird von Hagebuttenkonfitüre begleitet. Sehr viel feste, aber sehr feine Gerbstoffe wirken mit der dezenten Säure bestens balanciert. Das sehr lange Finale ist in sich stimmig und harmonisch. Enorm trinkig. 94 Punkte

Der gleiche Wein Reserva Especial von CVNE Viña Real aus dem Jahre 1962 bringt uns alle zum Schwärmen! Die Farbe wie beim Vorgänger ein leuchtend dichtes und klares Ziegel-Granat. Das Bukett strömt verschwenderisch und intensiv beerig aus dem Glas und zeigt Noten von Wild, ist dann sehr fleischig und zeigt viel reife Kirsche. Eine super-leckere Kirschfrucht umspielt den Gaumen, es folgen Hagebuttenkonfitüre und sehr viel festes feinkörniges Tannin, hochdelikat mit Druck und Power. Nochmals eine deutliche Steigerung zum 52er, mit gleicher Stilistik, aber deutlich stoffiger und perfekter Balance. Phantastisch. 97 Punkte.

Nun hätte man sich ja zufrieden in seeliger Sattheit sonnen und anschließend nach Hause gehen können. Wären da nicht noch vier Ygays gewesen aus den Spitzen-Jahrgängen in Rioja!

Die 1959er Gran Reserva von Castillo Ygay war farblich von einem leuchtenden, hellen Granat geprägt. Der erste Eindruck in der Nase war von süßlicher Vanille und Kirschkonfitüre geprägt, grandios, nein göttlich, von extremer Tiefe, enorm vielschichtig, auch Tabak und Extraktsüße zeigend, am Ende gar Grapefruit. Eine sehr intensive Kirschfrucht dominierte den Auftakt, der eine deutlich spitze Säure folgte. Sehr feine, leicht kreidige Tannine schlossen sich an, mit Druck und Spannung. Laut Aussage eines Kenners hat Ygay damals vor der Abfüllung den lange im Holz lagernden Gran Reservas etwas Zitronensäure und jungen Wein hinzugefügt, um ihn dunkler und lebendiger zu machen. Das würde die Spitze der Säure erklären. Am Ende überlagert die Säure ein wenig die herzhafte Frucht und das Finale wirkt leicht trocknend und körnig. Dennoch: Ein großer Wein. 95 Punkte

Trotz der jugendlichen Farbe war die 1934er Gran Reserva von Castillo Ygay leider nicht so gut wie erhofft. Der Muffton beim ersten Schnuppern wies schon auf eine nicht perfekte Flasche hin. Auch wenn der sich verflüchtigte, wurde der Wein nicht besser. Er zeigte zwar eine süßliche Spannung, wurde aber höchst kontrovers betrachtet und fiel bei mir durch.

Dann die Sensation: Die 1942er Gran Reserva von Castillo Ygay  zeigte ein leuchtendes, helles Granatrot. Eine spektakuläre, jugendlich und doch gereift wirkende Nase strahlte Würde und Erhabenheit aus, wie man sie ganz selten findet. Die klare, präzise Frucht war perfekt und sensationell persistent, so dass sich alle einig waren: das war das bisher schönste Bukett. Es folgte am Gaumen ein ebenso herrlicher Fruchtauftakt begleitet von einem süßlich-rosinigen Extrakt und Kirschmarmelade. Ein Wein-Monument mit sehr prägnanter und leicht spitzer Säure, endlos lang, verwoben und vielschichtig, von sakraler Erhabenheit. Total in sich ruhend, nur ganz am Ende stört ein wenig die Säurespitze. Daher ein Punkt Abzug vom Maximum: 99 Punkte.

Ja, ich weiß, das ist Jammern auf höchstem Niveau. Aber fast perfekt ist eben nicht ganz perfekt. Trotzdem werde ich diesen Wein für immer und ewig im Gedächtnis abspeichern.

Es folgte eine 1925er Gran Reserva von Castillo Ygay, deren stumpfes, mittleres Granat auf eine nicht perfekte Flasche hinwies. Doch die - Entschuldigung - geile Bordeaux-Nase mit ihrem reifen Cassis/Terroirausdruck war total betörend. Sie wurde dann fleischiger, am Ende gar schlanker mit Rosenduft und auf Kaffee und Terroirnoten (Kieselsteinen) endend. Ein sehr schöner Auftakt reifer dunkelbeeriger Frucht zeigte gebändigte Kraft, es folgten viele erdig-mineralische Nuancen. Ein straffes, feinkörniges Tannin zeigte, dass der Wein trotz seiner 90 Jahre imme noch nicht alt war und wie gemacht für die Ewigkeit erschien. Ich schätze er schmeckt auch in 20 Jahren noch so! Er hatte deutlich weniger spitze Säure als seine Kollegen zuvor (zeitlich gesehen seine Nachfolger), dadurch auch weniger Zug und weniger Power als der 42er, aber ebenso schön balanciert. 98 Punkte.

Fazit: Wahnsinn, sensationell! Ich hätte nie erwartet, dass Rioja mit einem solchen Alter noch so grandios sein kann. Bei der folgenden Abstimmung ergab sich dann folgendes Ranking:

  1. Castillo Ygay Gran Reserva 1942
  2. CVNE Viña Real Reserva 1962
  3. Castillo Ygay Gran Reserva 1925
  4. Castillo Ygay Gran Reserva 1959
  5. Marques de Riscal Reserva 1925

Die unterschiedliche Stilistik der Häuser fand auch differenzierte Wertschätzung der Teilnehmer. Manche waren ganz angetan von dem kargen, puristischen Stil von Tondonia, andere von dem finessenreichen, feinen und zarten Stil von Marques de Riscal, andere wiederum von Franco-Espagnolas Excelso. Nur bei Ygay waren sich alle einig: Das ist Weltklasse!

Bei solchen Proben ist das Risiko, überlagerte oder fehlerhafte Flaschen zu erwischen, besonders groß. Hier hatten wir mit fünf aus zwanzig eine niedrige und akzeptable Quote. Das lag natürlich an der kenntnisreichen und profunden Selektion von Norbert Lappas, der sehr akribisch und kompetent über Jahre für diese Probe eingekauft hat. Die meisten Flaschen stammten aus spanischen Kellern. Norbert, vielen Dank für dieses Proben-Glanzlicht!

Das Foto zeigt die geleerten Sieger-Flaschen.

Textund Foto: Frank Roeder MW

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