Heroischer Weinbau: Rettet das Valtellina!

18.08.2014

Extrem-Weinbau in terrassierten Steilhängen ist arbeitsaufwändig und kostenintensiv. Das wissen micht nur die Winzer an den Steilhängen der Mosel oder im Dourotal (Portugal), sondern auch die Winzer in den Alpentälern. Das Valtellina ist ein Kleinod in unserer globalisierten Weinwelt, und jeder, der dieses faszinierende Tal an der Nordspitze des Comer Sees einmal gesehen hat, wird sich wünschen, dass solch einzigartige Kulturlandschaften erhalten bleiben!

Das Valtellina ist ein wahres Kleinod in Italiens vielfältiger Weinwelt. Am nördlichen Zipfel des Comer-Sees in einem schmalen Alpental gelegen, schmiegen sich die terrassierten Weinberglagen in bis zu 600 m Höhe überwiegend an die Südhänge der Alpen. Tausende von Trockenmauern schützen die Böden vor Erosion: Pittoresker kann eine Weinlandschaft kaum sein! Teilweise müssen die Trauben mit Flaschenzügen ins Tal befördert werden. Dort gedeiht erstaunlicherweise die spät reifende Nebbiolo, die im Valtellina Chiavennasca (= die von hier kommt) genannt wird.

Weinbau ist ausschließlich an den Nordhängen möglich, die nach Süden exponiert sind und so dank der intensiven Sonneneinstrahlung ein ganz besonderes Mikroklima genießen. Trotz der Höhenlage von 400 bis 700 Meter sind Temperaturen im Sommer von über 40°C keine Seltenheit, und häufig ist es im Winter in den hoch gelegen Tagen möglich, den Rebschnitt mittags im T-Shirt zu machen, während es unten im Tal bitter kalt ist. Dank der Geographie weht auch ein beständiger Wind, der für eine gute Durchlüftung sorgt. Wie in Berglagen üblich profitieren die Trauben besonders während der Reifezeit von ausgeprägten Tag-/Nacht-Temperaturunterschieden, beste Voraussetzungen also für feingliedrige, elegante Weine.

Das gesamte Anbaugebiet ist rund 750 Hektar klein, konzentriert sich im Wesentlichen aber um die Hauptstadt Sondrio in der Mitte des Tales. Dennoch erstrecken sich die kleinen Parzellen über eine Strecke von gut 40 Kilometer. An den steilen Hängen gibt es kaum zusammenhängende größere Flächen. Die Weinbauern haben über die Jahrhunderte mehrere Tausend Kilometer Trockenmauern aufgebaut, um so den Felsen und Wäldern kleine Terrassen für den Weinbau abzuringen. Es ist Extrem-Weinbau, kostenintensiv, arbeitsreich und im Wesentlichen unwirtschaftlich für die vielen Kleinst-Betriebe. Man muss den vielen Familien großen Respekt zollen, dass sie die Weinberge dennoch nicht aufgeben, oft nach Feierabend im Nebenerwerb hegen und pflegen, obwohl immer mal wieder eine Trockenmauer zusammenfällt.

Traditionell waren die Rebzeilen vertikal am Hang ausgerichtet, was eine maschinelle Bearbeitung unmöglich macht. Arbeitskosten von 1.800 Stunden pro Hektar sind erforderlich, um große Qualitäten zu lesen. Viele Winzer haben inzwischen begonnen, die Rebzeilen horizontal auszurichten um sie mechanisierbar zu machen. Hierzu müssen die alten Stöcke ausgerissen und neue angelegt werden, zusätzlich müssen Wege und Rampen für die Traktoren gebaut werden, um in die Parzellen fahren zu können. Das kostet viel Geld, wird aber von der EU mit 30.000 € je Hektar unterstützt. Da die Umstellung immer nur einen Teil der Flächen pro Betrieb umfassen kann (bei Mamete etwa 10% pro Jahr) hat dieses Projekt einen lange Laufzeit, reduziert aber die Arbeitskosten signifikant auf etwa 1.000 Stunden pro Hektar.Klar ist, dass bei solchen Kosten nur eine Fokussierung auf Qualität mit der Folge guter Einnahmen möglich ist, um wirtschaftlich zu arbeiten. Dennoch wurden im Valtellina bis in die 80er Jahre hinein nur dürftige Weine erzeugt, die fast komplett in die Schweiz abgesetzt wurden. Daher hat der "Vetliner-Wein" seinen schlechten Ruf. Erst Anfang der 90er Jahre, als der Absatzmarkt Schweiz wegbrach, folgte die Besinnung auf die Erzeugung von Spitzenqualität, und damit die Umstrukturierung der Rebflächen.

Signore Mamete PrevostiniMamete Prevostini (Foto links) ist nicht nur der Name des Betriebes, sondern auch Vor- und Zuname des jetzigen Inhabers und Betreibers. Mamete besteht aber darauf, dass der Betrieb, obwohl von ihm in der jetzigen Form gegründet, nicht nach ihm sondern nach seinem Großvater benannt ist. Weinbau wurde in der Familie schon über viele Jahrzehnte betrieben, obwohl der Familien und Firmensitz nicht im Valtellina, sondern im Valchiavenna in der Ortschaft Chiavenna ist. Dieses Tal erstreckt sich von der Nordspitze des Comer Sees Richtung Norden nach Sankt Moritz in der Schweiz. Wegen der Nord-Südausrichtung ist Weinbau dort aber so gut wie nicht möglich, da es kaum sonnenbeschienen Südlagen gibt.

Bis vor zwei Jahren wurden alle Weine hier in Chiavenna ausgebaut, vinifiziert wurden sie allerdings bei befreundeten Kellereien im Valtellina. Mamete arbeitet nach seinem Önologiestudium vier Jahre lang beim größten Erzeuger der Region, Nino Negri, der über Verträge mit Weinbauern Zugriff auf über 200 Hektar hat. Der Betrieb gehört zur GIV (Gruppo Italiano Vini) und ist mit großem Abstand der größte Weinbetrieb im Valtellina. Dann gründete Mamete sein eigenes Weingut, kaufte Rebflächen, schloß mit Bauern Verträge zur Belieferung nach seinen Qualitätsmaßstäben. Sein jüngerer Bruder Paolo Prevostini trägt seit dem Abschluss seines Önologiestudiums die Verantwortung für die Bewirtschaftung der rund 20 Hektar Rebfläche, davon 14 in Eigenbesitz. Mamete selbst ist auch noch Präsident des Konsorzium Valtellina DOCG.

Die neue Cantina von Mamete PrevostiniSeit dem Jahrgang 2012 werden die Trauben nun in einer neu gebauten Kellerei in der Nähe von Sondrio verarbeitet, so nach und nach wandern nun die Fässer, Abfüllanlage etc. aus der alten in die neue Kellerei. Das Gebäude ist nach neuesten Kriterien für nachhaltigen Bau erstellt worden und hat das Zertifikat eines Casa Clima erhalten, das quasi klimaneutral Energie verbraucht und produziert. Auf 3 Etagen kann die Schwerkraft genutzt werden, so dass kaum noch Pumpvorgänge erforderlich sind. In der obersten Etage sind die Trauben-Annahme und -Selektion sowie Geräte- und Maschinenlager untergebracht. In der zweiten Etage die Vinifikation und in der dritten Etage der Reifekeller. Ich erwarte dass wir in den nächsten Jahren jedes Jahr einen weiteren Qualitätszuwachs erleben werden.

Blick von Grumello auf INfernoDie meisten Rebflächen von Mamete liegen in der Unterzone Sassella(siehe Foto ganz oben). Dort bewirtschaftet Mamete sogar einen ummauerten Cru namens San Lorenzo, der zu einem Kloster gehört. Der Wein wird separat abgefüllt und hat 2014 sogar die begehrten Drei Gläser im Gambero Rosso bekommen. Sassella ist eine ziemlich felsige Unterzone des Valtellina Superiore (Sasso = Fels, Stein). Dort sind oft nur 30 bis 50 cm Erdreich über den Felsen, entsprechend niedrig ist der Behang, die Beeren sind oft kleiner als sonstwo.

Die Unterzone Grumello ist nach der gleichnamigen Burg (Castello) benannt, dort sind die Bodenschichten etwas dicker und die Weine etwas voller. Die dritte Unterzone names Inferno ist die heißeste, weil steilste. Das Foto zeigt einen Blick von Grumello auf die Lagen im Inferno.

Die Weine zeigen einen ganz eigenen Stil. In puncto Eleganz gibt es keinen anderen Wein aus der Sorte Nebbiolo (hier Chiavannesca genannt), der an die Weine des Valtellina heran reicht. Es liegt an uns (und vielen anderen Kommunikatoren und Weintrinkern), dass dieses Kleinod mit seinem überragenden Preis-/Genussverhältnis erhalten bleibt. Dazu müssen wir die Weine kaufen, empfehlen, und auch selbst trinken. Denn nur wenn sich die Weine verkaufen, bleibt diese einzigartige Kulturlandschaft erhalten. Das Valtellina hat sich als Weltnaturerbe bei der UNESCO beworben.

Text und Fotos: Frank Roeder MW

« zurück
© Developed by CommerceLab
?>