Ich kann allem widerstehen - nur der Versuchung nicht

25.10.2016

Dieser berühmte Satz von Oscar Wilde trifft ziemlich genau meine Entscheidung, nachdem ich erstmals das Weingut Carl Loewen in Leiwen besucht hatte. Ich war gerade in der Nähe und hatte schon viel Gutes von diesem Weingut gehört, so dass ich die Gelegenheit nutzte für einen Besuch. Es gab nicht den geringsten Bedarf, sich nach neuen Rieslingen von der Mosel umzuschauen, doch nach dem Besuch war unser Sortiment um die aufregendsten Weine der Loewens reicher.

Christopher Loewen, der Junior, empfing mich mit einem freundlichen Lächeln, wir setzten und in die Probierstube. Und erzählten, erzählten und erzählten. Soviel erzählen macht natürlich durstig, also probierten wir einen Riesling, was damit endete, dass wir uns dann doch durch das gesamte Sortiment verkosteten. Das ist immer noch die beste Visitenkarte eines Weingutes, zumal bei solchen Qualitäten.

Seit 2015 unterstützt der gelernte Geisenheimer Christopher seinen Vater Karl Josef. Nach Abschluss seines Önologie-Studiums praktizierte er zunächst in den USA und Neuseeland, bevor er sich ganz seiner großen Leidenschaft, dem Riesling, widmete. So finden die große Erfahrung seines Vaters mit dem Wissensdurst und Schaffensdrang des Studienabgängers zusammen.

Der ist aber gar nicht - wie man zunächst bei einem jungen Mann mit akademischen Weihen vermuten könnte - technisch orientiert, sondern konzentriert sich auf das Wesentliche. Er formuliert das so: "In der Welt des Weinmachens gibt es in unserer Zeit nahezu unbegrenzte Möglichkeiten den Geschmack eines Weines zu formen. Aus der Hand der Rebzüchter kommen immer neue Rebsorten, mnacherorts nimmt das Barrique Überhand, natürliche Moste werden mit modernster Technik aufkonzentriert, spezielle Reinzuchthefen sollen den Charakter des Weines formen, spezielle Enzyme das Bouquet entwickeln. Ist das die neue, schöne Weinwelt?"

Weingut Loewen: Die Mosel bei Longuich 

Die Mosel bei Longuich

Das möchten wir alle nicht, und schon ist man mit ihm einer Meinung. Christophers Devise lautet: "Meine Philosophie des Weinmachens ist eine andere! Wein ist ein Produkt der Natur, ein Zeugnis seiner Herkunft. Wer so denkt, dem wird das Terroir, auf dem der Wein gewachsen ist, wichtig sein. Die Definition des Terroirs ist umstritten. Unbestritten gehört die Lage, die Art des Bodens und das Kleinklima zum Begriff Terroir. Wohin aber gehört der Winzer? Ist nicht der Winzer derjenige, der neben den natürlichen Gegebenheiten deb Wein formt? Wem nutzt der beste Weinberg, wenn nicht ein Mensch die Gaben der Natur zum Leben erweckt? Für mich kann somit die Definition des Terroir nur lauten: Nur die Einheit von Mensch und Natur kann die Früchte des Terroirs zum Erblühen bringen." Gut gebrüllt, Loewen!

Weingut Carl Loewen: Der Maximin Herrenberg

 Die beiden Loewens in der Spitzenlage Maximin Herrenberg

Wer solche Spitzenlagen wie den Maximin Herrenberg sein eigen nennen kann, der hat leicht so reden! Aber Christopher Loewen redet nicht nur, er überzeugt und lebt das, was er erzählt. Besonders die Alten Reben haben es ihm angetan. Die Stöcke im Herrenberg sind immerhin 120 Jahre alt, sie wurden 1896 von dem Spitzenwinzer Carl Schmitt-Wagner gepflanzt. In mühevoller Kleinarbeit selektionierte er seine besten Rieslingreben für das Herzstück seines renommierten Weinberges, der schon 1868 von der preußischen Lagenklassifizierung in die höchste Güteklasse eingestuft worden war. Er pflanzte in hoher Stockdichte mit 10.000 Reben pro Hektar wurzelechte Reben. Die stehen noch heute dort in dieser Steillage mit Terroir von rotem Schiefer.

Weingut Loewen: 120 Jahre alte wurzelechte Rieslingstöcke

120 Jahre alte, wurzelechte Rieslingstöcke

Damit ist dieser 1896 gepflanzte Maximin Herrenberg einer der ältetsten Rieslingweinberge der Welt. Doe alte, damals noch übliche Einzelstockerziehung am Pfahl ist noch völlig intakt. Demut überfällt einen, wenn man diese wehrhaften Pflanzen sieht. Die Kaiserzeit, die Reblauskatastrophe, zwei Weltkriege, eine neue Demokratie, die Spaltung und Wiedervereinigung Deutschlands und viele, viele Winzer haben diese Alten Reben erlebt und überlebt. Diese Schätze zu pflegen und die Ernte solcher Weinberge behutsam im Keller zu begleiten sind für die Loewens eine Ehre!

Ein Meisterwerk der Natur: 120 Jahre alter Rieslingstock

Ein Meisterwerk der Natur: 120 Jahre alter Rieslingstock

Ein Teil der Lese aus diesen uralten Stöcken erfährt eine besondere Behandlung in Rückbesinnung auf traditionelle Weinerzeugung. Die Handlese wird in Hotten den Berg hinauf getragen und in Bütten gekippt, wo die Trauben sofort eingestampft werden. So tritt der Saft aus und die Mazeration beginnt, damit die Aromen der Trauben voll aufgeschlossen werden. Noch am gleichen Abend beginnt die Kelterung: Mittel einer alten Korbpresse wird per Muskelkraft wie vor 100 Jahren der Most gewonnen und sofort - sprich ohen Sedimentierung - ins Fuderfass geleitet. Die Gärung setzt mit den traubeneigenen Hefen ein. Das Ergebnis ist ein Wein, der in perfekter Weise die Stärken des Riesling zeigt und ein Unikat der Beständigkeit in unserer schnellebigen Zeit darstellt.

Auch wenn der 2015er bereits ausverkauft ist, können Sie sich auf unserem Weinprobiertag am 6. November in der Erzhalle des Weltkulturerbe Völklinger Hütte einen ersten Eindruck verschaffen, um den 2016er vorzubestellen.

Text: Christopher Loewen / Frank Roeder MW

Fotos: Weingut Carl Loewen

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