Gelber Muskateller - Die Sonne im Glas

20.08.2015

Sommerzeit, Weißweinzeit. Doch schenken wir uns nicht ständig das Gleiche ins Glas? Wer sich die letzten Wochen und Monate nun zur Genüge durch Weißburgunder, Grauburgunder, Riesling und Co. getrunken hat, sollte, bevor er den Sommer für beendet erklärt und sich wieder dem Rotwein zuwendet, mal einen Gelben Muskateller probieren. Diese Rebsorte steht für mich für Urlaubsfeeling und Hitzefrei, ist sozusagen die Verlängerung des Sommers in die Weinflasche oder kurz heraus: die Sonne im Glas!

Um das Ganze noch etwas interessanter zu gestalten, veranstalte ich heute ein privates Freundschaftsspiel und lasse direkt zwei herausragende Exemplare Gelber Muskateller gegeneinander antreten: Aus der Pfalz den Gelben Muskateller „Exklusiv“ Frankweiler Biengarten 2014 von Tina Pfaffmann und aus der Steiermark den Gelben Muskateller Steinriegel 2013 von Gerhard Wohlmuth.

Schnappen wir uns zunächst den „Exklusiv“! Fast schon typisch für die moderne Pfalz präsentiert sich die braune Schlegelflasche in einem fast puristischen Design. Das mattschwarze, lediglich oben und unten weiß geränderte Etikett ziert ebenso wie die goldene Kapsel nur das große, goldene „T“ im Kreis, das sich Tina Pfaffmann als Markenzeichen gewählt hat. Bloß wer ganz genau hinschaut, entdeckt auch noch die anderen 22 „T“, die in verschiedenen Schrifttypen im Prägedruck schwarz auf schwarz das Etikett schmücken. Sehr edel. Ab ins Glas!

Der Wein hat eine helle, strohgelbe Farbe. Sein opulenter Duft nach Rosen, Litschi, weißen Blüten und der unverwechselbaren Muskatnote springt einem regelrecht aus dem Glas entgegen. Nach wenigen Minuten kommen subtile Nuancen von Bienenwachs und getrockneten Aprikosen dazu. Ohne den Wein probiert zu haben wird schon klar, warum viele den Gelben Muskateller für die schönste der Aroma-Rebsorten halten. Im Mund ist der „Exklusiv“ dann unheimlich saftig und süffig, hat wenig Säure und ist durch eine minimale Bitternote im Abgang trotzdem sehr erfrischend. Beim zweiten Schluck drängt die irre Fruchtaromatik in den Vordergrund: Trauben, Honigmelone, Litschi & Aprikosen sind meine Assoziationen und das alles getragen durch eine gute Struktur und eine schöne Länge. Geht das noch besser?

Dann wollen wir mal den „Steinriegel“ von Gerhard Wohlmuth in Augenschein nehmen. Die Kapsel ist schwarz, trägt in weiß Familienwappen und Namenszug der Wohlmuths sowie oben (wie alle österreichischen Weine) die Landesfarben rot-weiß-rot. Eher langweilig. Aber das Etikett ist ein echter Hingucker! Die Wohlmuths statten ihre Weine jedes Jahr mit einem anderen Künstler-Etikett aus. Im Jahrgang 2013 ist es ein Bild von Ulrich Gansert, das wie gemacht ist, für einen Sommerwein: In frischen Farben, gelb, orange, grün, türkis, erinnert es an einen Sommernachmittag in der Provence. Man erahnt ein Haus in der flirrenden Hitze, schattenspendende Pinien und Kiefern, ein gemütliches Plätzchen unter den Bäumen. An einem warmen Abend wie heute motiviert dieses Etikett doppelt, der Flasche umgehend den Hals umzudrehen. Gesagt, getan.

Auch der Steinriegel ist hell und strohgelb. Als ich erwartungsfroh meine Nase im Glas versenke, bin ich etwas enttäuscht. Der Wein ist verschlossen und gibt nur sehr dosiert einige Fruchtnoten und mineralische Töne preis. Der Überraschungseffekt dann am Gaumen: kühle Stilistik, mineralisch-druckvoll, fein-nervig und gut balanciert tänzelt der Steinriegel über die Zunge, fruchtig-traubig mit beeindruckender Länge. Wenn jetzt doch noch etwas mehr zu Schnuppern wäre! Vielleicht hilft eine Karaffe? Aber ist das dann nicht unfair gegenüber Tina? Also zwei Karaffen her und eine halbe Stunde Geduld ...

Sogar nach 45 Minuten wirkt der „Steinriegel“ noch streng in der Nase; mineralisch mit Anklängen von Kieselstein und einer gewissen Würze, dazu Holunderblüten und ein Hauch Muskat. Ein maskuliner Typ. Der nächste Probeschluck. Wow! Da hat die Karaffe richtig was bewirkt. Eine wunderbare Frucht gesellt sich nun zur Mineralität – weißer Pfirsich, Trauben, gelbe Äpfel, Blüten. Diese Kraft würde man einem Gelben Muskateller gar nicht zutrauen. Der Wein hat Alterungspotential.

Und was macht der „Exklusiv“? Er hat in der Karaffe nochmals zugelegt. Nun ist der Duft wahrlich opulent: Rosen, Honigmelone, Litschi, etwas Muskat und Harz. Spannend! Die Fruchtnoten sind jetzt gleichauf mit dem Rosenduft, ein genialer Mix, zart und lieblich. Die Frucht explodiert geradezu am Gaumen, überwältigend, das rockt! Power-Aromatik für alle, denen Weißburgunder auf die Dauer zu langweilig wird.

Leider kann ich mich jetzt nicht mehr entscheiden. Warum auch? Wie sagt der Engländer so schön: „If you have the choice, take both!“ Das Freundschaftsspiel endet deshalb unentschieden.

Text und Foto: Christopher Sistermanns, VIF Düsseldorf

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