Moments of life

11.08.2015

Große Momente im Leben sind Schlüsselerlebnisse, die das Leben prägen und ein Leben lang präsent sind. Momente, die man nie vergisst. Sie sind wie das Salz in der Suppe, ohne sie wäre das Leben langweiliger, monotoner. Deswegen schätzen wir sie so. Auch Weinfreunde erleben große Momente. Highlights, die man nie wieder vergisst. "Vinologisch" habe ich schon viele Highlights geniessen dürfen, viele davon in erwartungsvoller Begeisterung auf das Kommende. Doch die schönsten Highlights sind die, mit denen man nicht rechnet.

Solch einen Genuss-Höhepunkt durfte ich vor ein paar Tagen erleben: Den 2003er Felton Road Riesling aus Neuseeland vom Weingut Felton Road werde ich nie wieder vergessen. Wie es dazu kam, ist eine lange Geschichte, die im Juni 2005 beginnt:

Am Vorabend meiner Master-of-Wine Prüfung für die Weißweine saß ich am frühen Abend in einem Londoner Restaurant namens L'Étranger. Dort ging ich während meines Studiums häufiger hin, denn das "Early-Bird"-Angebot dieses Spitzenrestaurants war mit 30 Pfund für ein Drei-Gänge-Menü ein echtes Schnäppchen. Zudem war das L'Étranger vom WineSpectator ausgezeichnet für seine überragende Weinauswahl, viele davon im offenen Ausschank. So kam es, dass ich mich über meine Studienjahre ein wenig mit dem Sommelier angefreundet.

Am Vorabend der Weißweinprüfung ging ich also in besagtes Restaurant und fragte den Sommelier, ob er denn nicht ein Glas Condrieu anbieten könnte, denn den hatte ich schon längere Zeit nicht mehr gekostet. So wollte ich mir sein Aromenprofil für die Prüfung in Erinnerung rufen. Leider, bedauerte er, habe er diesen teuren Wein nicht im offenen Ausschank, und da er auch nur selten geordert wird, kann er mir auch keine Flasche für ein Glas öffnen. Schade! Er wusste von meiner bevorstehenden Prüfung, und ich bat ihn dann, wie schon oft zuvor, mir ein Glas von einem Wein zu bringen, den ich nicht kenne.

Er brachte mir ein Glas, das ich als ungewöhnlichen Riesling einordnete. Immerhin das war richtig. Aber die Herkunft war mir nur von der Literatur bekannt. Noch nie hatte ich einen Wein aus Central Otago in Neuseeland verkostet, und der 2003er Felton Road Riesling gefiel mir ausgesprochen gut.

Am nächsten Morgen - die Prüfung begann um 10 Uhr - standen 12 Gläser Weißwein vor mir. Die ersten drei Weine sollten aus einer Region sein. Die große Herausforderung in 2005 war, dass die jüngsten Weißweine aus dem Hitzejahrgang 2003 stammen mussten, und damit wenig repräsentativ waren. Ich steckte die drei ersten Weine ins Burgund und erkannte einen Chablis, einen Pouilly-Fuissé und einen holzgeprägten Meursault. Wie ich später erfahren musste, waren die drei Weine von der Loire: Ein Muscadet, ein Pouilly-Fumé und ein Savennières. Meine Argumentation war wohl gut (sonst hätte ich nicht bestanden!), aber ich lag doch nicht so richtig wie ich mir das gewünscht hätte.

Die nächsten drei Weine waren aus einer Rebsorte, und die Weine aus drei verschiedenen Ländern. Unschwer war die Rebsorte als Riesling erkennbar. Der erste kam eindeutig aus Österreich, ein Smaragd aus der Wachau. Der zweite ein Heimspiel: Ein Graacher Himmelreich von der Mosel, wunderbar leicht, filigran, verspielt. Der dritte war dann deutlich anders. Doch vor lauter Prüfungsstress und Aufregung kam ich nicht gleich darauf: Den Wein hatte ich doch erst gestern abend getrunken. Normalerweise schreibt man in der Prüfung die Region oder bestenfalls den Ort hin, aus der er kommt. Aber nie den Erzeuger! Doch in diesem Fall war ich mir absolut sicher: Das muss der 2003er Dry Riesling von Felton Road sein. Und so schrieb ich das voller Wagemut genau so auf meinen Antwortbogen.

Ich bin mir sicher: Das hat mir die Weißweinprüfung gerettet und ich bekam volle Punktzahl und womöglich gar Bonuspunkte für die Rieslinge.

Zeitsprung: Im Januar war ich in Neuseeland auf der Central Otago Pinot Noir Conference und lernte dort die beiden Macher von Felton Road kennen. Kellermeister Blair Walter arbeitet schon seit Jahrzehnten als verantwortlicher Winemaker und hat das Weingut schon als eines der ersten In Neuseeland auf biodynamische Bewirtschaftung umgestellt. Der Besitzer, Nigel Greening, ist ein unglaublich cooler Typ, der eher an Rockstar als an Businessman erinnert. Die beiden haben dort unten in Central Otago unglaubliches geleistet. Ihre Weine finden sich auf den besten Weinkarten der Welt und sind Stil-Ikonen.

Blair Walter und Nigel Greening von Felton Road

Klar musste ich das Weingut besuchen und erzählte dort die Geschichte von meiner Prüfung. Wir saßen beim von Nigel gekochten Mittagessen: Salat aus dem eigenen Garten, Fleisch von den eigenen Rindern, und gegrillte Pilze aus eigener Suche. Dazu gab es einen Chardonnay. Nicht irgendeinen, sondern einen grandiosen: 2002 Puligny Montrachet von Anne Leflaive, der kürzlich verstorbenen Protagonistin des biodynamischen Weinbaus im Burgund. Wie ein Momunent stand er im Glas und zeigte trotz seiner 13 Jahre keinerlei Anzeichen von Müdigkeit. Lebhaft, ja geradezu frisch, verwoben, geheimnisvoll und großherzig. Wir waren alle vier der gleichen Meinung: Ein spektakulärer Chardonnay, exakt auf dem Punkt.

Nigel wollte dann einen Chardonnay von Felton Road zeigen: Blair fand leider keinen 2002er, dafür aber einen 2001er Barrel Fermented Chardonnay, aus dem Herzstück Block 3 der Felton Road Weinberge. Der letzte Jahrgang mit Naturkorken, danach wurde auf Schraubverschluss umgestellt. Was soll ich sagen: Der Felton Road Chardonnay war noch mindestens 2 Punkte besser als der aufregende Burgunder. Der Neuseeländer war kompletter, balancierter, und zeigte mindestens genauso viel Persönlichkeit und Charakter wie das Vorbild aus dem Burgund.

Neuseeland versus Burgund: Felton Road liegt vorne

Ein lehrreiche Erfahrung für mich: Es gibt also auch großartige Chardonnay aus Neuseeland, die reifen können. Man muss ihnen nur die Chance dazu geben. Ohne diese Erfahrung würde ich es nicht wagen, einen Chardonnay vom anderen Ende der Welt so lange im Keller reifen zu lassen.

Als kleine Erinnerung an diesen wunderbaren Besuch schenkten mir Blair und Nigel eine Flasche des 2003er Dry Riesling, die letzte Flasche aus ihrem Bestand. Mit dieser schönen Erinnerung im Gepäck trat ich die Heimreise an und legte den Wein zur Seite.

Wochenlang, ja monatelang juckte es mich. Nur zu gerne hätte ich den Wein probiert, fand aber nicht den richtigen Anlass. Auch ein wenig unsicher, ob er denn überhaupt noch schmeckt und nach zwölf Jahren noch genießbar sein würde. Wochenlang lag er im Weinkühlschrank in vorderster Reihe. Fast täglich habe ich die Flasche gesehen, die mich immer an meinen herrlichen Besuch bei Felton Road erinnert hat. Die Lust, die Flasche zu öffnen steigerte sich von Woche zu Woche.

Vor ein paar Tagen war es so weit: Nach einem Freiluftkonzert bei tropischen Temperaturen gingen wir mit Freunden nach Hause. Es war noch zu warm, ins Bett zu gehen, und wir alle waren irgendwie in der Stimmung, den Tag ganz gemütlich bei einem guten Glas ausklingen zu lassen.

Showtime! Jetzt kam der Moment der Wahrheit für den 2003er Felton Road Riesling. Ich erzählte kurz die Geschichte und die besondere Beziehung zu diesem Wein. Ging zum Kühlschrank, präsentierte die Flasche, und warnte vor zu hohen Erwartungen. Der Schraubverschluss saß dicht, die Flasche ließ sich problemlos öffnen. Kaum dass die Gläser eingeschenkt waren konnte ich mich nicht mehr bremsen und schnupperte am Glas.

Der AHA-Effekt stellte sich augenblicklich ein! Zentimeter dicke Gänsehaut, ein untrügliches Zeichen für Spitzenqualität! Das Bukett zeigte die so typischen Gerüche eines reifen Rieslings, aber ohne jede Firne, nur ein Hauch Petrol, eigentlich kaum zu riechen wenn man nicht weiß, worauf man achten soll. Gelbe Früchte, Mirabellen, viel Kräuterwürze, fein verwoben, ziseliert, ungeheuer vielschichtig, mit jedem Schnuppern neue Komponenten entdeckend. Spätestens jetzt war klar, dass dieser Wein nicht mehr enttäuschen konnte!

Riesling-Grandezza vom Feinsten am Gaumen. Alles da, was auch gereifte Große Gewächse aus Deutschland zeigen: Kraftvoll und dennoch fein, viel gereifte Frucht, Mirabellen, Marillen, Bergamotte, Sanddorn, aber gleichzeitig auch expressive Mineralität, fast schon salzig, wie sie nur große Rieslinge zeigen. Trocken, meines Wissens liegt der Restzucker bei nur 2 Gramm, aber nicht so staubtrocken, wie man anhand des Zuckerwertes glauben könnte. Dafür hat er zu viel Extrakt, das ja oft leicht süßlich wirkt und damit die Harmonie herstellt. Die Säure reif und frisch, keinerlei Müdigkeit zeigend, ja ich bin mir jetzt sicher, dass er mühelos noch zehn Jahre Spaß machen könnte.

Ein Riesling Monument, wie ich es aus der neuen Welt noch nie erlebt habe! Kompliment Nigel, Kompliment Blair! Hut ab! Ein großartiger Moment, ein Wein-Erlebnis. Moments of Life! Vielen Dank!

Was lernte ich daraus:

  1. Auch Riesling aus der neuen Welt kann großartig sein
  2. Auch Riesling aus der neuen Welt kann reifen
  3. Der Schraubverschluss ist diesem Reifeprozess eher förderlich
  4. Die schönsten Momente sind die, mit denen man nicht rechnet.

Leider haben wir die Weine von Felton Road nicht im Sortiment, und auch sonst keine gereiften Neuseeländer. Aber ich bin sehr froh, dass wir mit Elephant Hill nun einen Winzer haben, der uns ebenfalls sehr feine Tropfen vom anderen Ende der Welt liefert.

Text und Fotos: Frank Roeder MW

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