Meine heimliche Liebe: Beaujolais

03.08.2015

Fluch und Segen: Der Begriff Beaujolais ist untrennbar mit dem Begriff Primeur verbunden. Jeder kennt diesen unsäglichen, unfertigen Wein, der mit aller Gewalt schon am dritten Donnerstag im November in den Markt gedrückt wird und dann als feucht-fröhliches Szene-Getränk ohne größeren Qualitätsanspruch die Sinne der Weintrinker vernebelt. Unter diesem Image leiden die ernsthaften Beaujolais, die auch anspruchsvollen Genießern große Freude bereiten.

Ich erinnere mich noch genau: Vor rund 35 Jahren - ich machte damals meine ersten Schritte, mich tiefer mit der Faszination Wein zu beschäftigen - kaufte ich mir voller Begeisterung meine erste Magnum-Flasche: Einen Fleurie! Mit dem rudimentären Wissen ausgestattet, dass Weine in der Magnum besser reifen können als in der Normalflasche lagerte ich den Fleurie ein mit der Vision, ihn ein paar Jahre später auf seinem Höhepunkt zu genießen. Zwei Zufälle ermöglichten es, dass diese Hoffnung nicht enttäuscht wurde: Zum einen stammte der Wein von einem hervorragenden Erzeuger, zum anderen war meine Neugier größer als meine Geduld! Nach zwei Jahren kam der Korken raus, und wir tranken den Wein zu einer Bresse-Poularde in Beaujolais-Soße. Ein Traum!

Damit war auch klar, dass Beaujolais vom ersten Tag an im VIF-Sortiment nicht fehlen durfte. Lange Zeit waren wir glücklich und zufrieden mit den Weinen von Louis Tête, doch seit Jean Tête seinen Betrieb an eine Genossenschaft verkauft hat, mussten wir uns nach einem anderen Betrieb umschauen. Bekanntlich lassen wir uns für solche Entscheidungen nicht unter Druck setzen, sondern suchen mit Sorgfalt und Akribie den zu uns passendsten Erzeuger aus. Das hat in diesem Fall ein wenig gedauert: Einerseits, weil die letzten Jahrgänge im Beaujolais nicht einfach waren, andererseits weil wir in drei breit angelegten Verkostungen drei geeignete Kandidaten hatten.

Erst als wir die Folgejahrgänge dieser drei potentiellen VIF-Partner noch zweimal verkosteten, schälte sich nach und nach unser Favorit heraus: Der Stil der Weine von Jean-Marc Lafon von der Domaine de Bel-Air hat uns schlichtweg begeistert. Er erzeugt keine belanglosen und beliebigen, nichts-sagenden Beaujolais, seine Weine sind ausdruckstark, charaktervoll, haben ein wenig Ecken und Kanten, und zeigen so Persönlichkeit und Tiefgang.

Fast möchte man sagen, wie ihr Winzer! Denn Jean-Marc ist ein Charakter-Kopf, der es in wenigen Jahren geschafft hat, sich mit seinen Weinen an die Spitze der Region zu katapultieren. Nicht nur, weil die Weine etwas anders sind, sondern auch weil er es versteht, seine Weine über das Terroir zu kommunizieren und so selbst sein Beaujolais Villages (Foto unten) schon eine Klasse zeigt, die andere Erzeuger erst bei ihren Crus-Weinen erreichen.

Jean-Marc Lafon, Domaine de Bel-Air

 

Beaujolais Villages Domaine de Bel-Air

Was macht Jean-Marc denn so anders als die anderen Erzeuger? warum sind seine Weine so viel besser als die meisten Beaujolais? Warum beeindrucken und faszinieren sein Wein?

Nun, da ist zunächst einmal seine Arbeit im Weinberg zu nennen. Respekt vor der Natur und dem Terroir sind bei ihm keine leeren Phrasen, sondern gelebte Philosophie. Bereits seit 1992 bewirtschaftet er seine Reben auf natürliche Weise, reduziert die Spritzmittel auf ein Minimum, in manchen Jahren kann er ganz darauf verzichten. "Lutte raisonnée" nennen die Franzosen das, mit Verstand an die Sache rangehen. Seine Böden und Reben danken ihm das. Der Boden ist voller Leben, riecht gut, und bleibt gesund. Die Rebstöcke finden ihre natürliche Balance und zeigen kein exzessives Wachstum, das wie bei vielen anderen mehrmals zurückgeschnitten werden muss.

Fleurie - Domaine de Bel-Air

Nicht von ungefähr benennt Jean-Marc seine Weine nach dem Bodentyp. Der Beaujolais Villages "Les Granits Bleus" kommt aus den beiden Dörfchen Latignié und Quincinié, deren Granit-Verwitterungsböden die Reben mit mineralischen Komponenten versorgen. Das Durchschnittsalter dieser Reben liegt mit 50 Jahren ungewöhnlich hoch. Spätestens beim 7-monatigen Ausbau im Holzfass wird klar, dass die Weine der Domaine de Bel-Air keine Leichtgewichte sein können. Eine positive Entwicklung in der Flasche ist über 3 Jahre garantiert.

Der Fleurie "Granits Rose" (Weinberge siehe Foto rechts) kommt aus den Hanglagen um Fleurie, die eine grobkörnige, kristalline Granit-Struktur aufweisen. Die Beeren vergären während 9 Tagen mit den Rappen, und so erhält der Wein auch etwas Tannin-Struktur, die ihm ein Reifepotenzial von gut 5 Jahren verleiht. Sein expressives, florales Bukett nach Veilchen und Iris ist so faszinierend typisch für Fleurie und in keinem anderen Crus aus dem Beaujolais zu finden.

Moulin-à-Vent Domaine de Bel-AirDer Moulin-à-Vent (Foto links) wächst auf sandigen Granitböden mit einem hohen Mangan-Anteil. Dadurch ist er ohnehin etwas kompakter und fülliger als die anderen Crus, und braucht auch etwas Zeit, bevor er all seine Stärken offenbart. Gleichzeitig ist er der Beaujolais mit dem größten Reifepotenzial, Jean-Marc beziffert das bei 5 bis 10 Jahre!

Hätten Sie geglaubt, dass ein Beaujolais ein solch ernsthafter Wein sein kann? Nein? Dann probieren Sie einmal die Weine von Jean-Marc, und sie werden verstehen, warum der Beaujolais meine heimliche Liebe ist. Vielleicht wollen Sie dann auch einmal eine Magnum Beaujolais einlagern.

 

Text: Frank Roeder MW

Fotos: Domaine Bel-Air

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