Die Pinot (R)Evolution: Deutsche Spätburgunder besser denn je!

30.09.2015

Hoher Besuch war zu Gast: Alvaro Palacios, Spaniens berühmtester Winzer. Er ist bekennender Riesling-Fan, besonders die von der Mosel haben es ihm angetan. So gab es zum Abendessen ein paar schöne Exemplare, unsere spanischen Gäste waren voll des Lobes. Auf meinen Hinweis, dass wir in Deutschland inzwischen auch schöne Rotweine haben, wurde ich mitleidsvoll belächelt. Weil mir keiner Glauben schenken wollte, öffnete ich eine Flasche Spätburgunder von der Ahr.

Beim Ausschenken brach dann gleich Gelächter aus: „Das soll ein Rotwein sein? So sehen bei uns die Roséweine aus!“ Doch gleich darauf wurde es still. Kaum hatten die Weinliebhaber vom Spätburgunder gekostet, erfüllte anerkennendes und betretenes Schweigen den Raum. Mit solch einer überzeugenden Qualität hatte niemand gerechnet, dabei hatte ich noch nicht einmal das Große Gewächs aus dem Hause Stodden vorgestellt, sondern „nur“ den Lagenwein aus dem Herrenberg.

Nichts hält sich länger als Vorurteile: So wie unseren Spaniern geht es nicht nur internationalen Weintrinkern, sondern auch den meisten Deutschen. Hierzulande kennen nur Experten und eine kleine, aber ständig größer werdende Schar von Liebhabern die Stärke der deutschen Spätburgunder. Sie glänzen mit glasklaren Kirscharomen, mit Subtilität und Finesse, und sind somit Weine für Genießer.

Die internationale Presse hat inzwischen erkannt, wie gut die Pinot Noirs aus Deutschland sind. Spätestens seit der legendären Verkostung in London, in der das Deutsche Wein Institut (DWI) die besten deutschen Spätburgunder gegen die besten Pinots aus aller Welt in einer Blindverkostung antreten ließ, wendete sich das Blatt: Die Top-Weinkritiker bewerteten gleich 7 deutsche Weine unter die ersten zehn, also besser als die meisten Spitzen-Burgunder!

Doch nicht nur in der Spitze sind die Spätburgunder Klasse. Auch die Einstiegsqualitäten von guten Winzern sind höchst überzeugend: Zum Beispiel aus der Pfalz der Spätburgunder von Uli Metzger, ein begnadeter Spezialist, der schon mehrfach den Deutschen Rotweinpreis gewonnen hat. Sein einfacher Gutswein (6,95 €) glänzt mit intensiver Kirschfrucht und würziger Pfeffrigkeit.

Oder der Gutswein aus dem VDP-Weingut Gutzler in Rheinhessen: Der Spätburgunder (9,95 €) reift im Holzfass und gewinnt so zusätzlich an Struktur und Tiefe. Die delikate Sauerkirschfrucht mit feinsten Tanninen sorgt für eine herrliche Mundfülle.

Oder der Spätburgunder ng1 vom Weingut Nauerth-Gnägy aus der Südpfalz: Unglaublich viel Wein für schmales Geld (6,95 €) zeigt, dass deutscher Spätburgunder auch preislich hoch attraktiv sein kann. Was Michael Gnägy hier leistet, nötigt uns größten Respekt ab!

Oder der Blaue Spätburgunder von Knipser (12,95 €), oder noch besser, der Spätburgunder Kalkmergel ovn den Knipsers.

Ich könnte hier noch eine lange Liste solch attraktiver Weine vorstellen, doch die Botschaft ist klar: Werfen Sie Ihre Vorurteile über deutschen Rotwein im Allgemeinen und Spätburgunder im Besonderen über Bord und lassen Sie sich verführen von diesen herrlich animierenden Genussweinen, die ganz hervorragende Speisenbegleiter sind (wie etwa zum Kotelett vom Landschwein, Pfälzer Saumagen, Iberico-Filet, Kalbsbrust, zur Wurstplatte u.v.m.) und dabei deutlich weniger kosten als vergleichbare Qualitäten aus dem Burgund.

Und das obige Beispiel bestätigt, dass Farbe alleine nichts über die Qualität eines Weines aussagt! Das haben unsere spanischen Freunde schnell gelernt.

Text: Frank Roeder MW

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