Kurzgeschichte: Wenn der Abschiedsstreit 7 dl lang vor sich hinschäumt

28.06.2018

Chandra Kurt ist die wohl einflussreichste Wein-Journalistin in der Schweiz. Sie ist mit ihrem Wein Seller Journal auch weit über die Schweizer Grenzen hinaus bekannt, ja sogar berühmt. Ich selbst kenne Chandra Kurt seit meinen ersten Studien-Tagen, und seither ist der Kontakt nie abgerissen. Ich schätze neben ihrer eigenen Wein-Linie Schweizer Weine auch ihre profunden Analysen, ihren Wein-Verstand, ihren Charme und ihre Ironie, mit der sie manchmal auch köstlich so ganz nebenbei ihre Leser verführt, die Blickrichtung zu wechseln, eingetretene Pfade zu verlassen und Vorurteile über Bord zu werfen. So wie mit diesem Artikel über Lambrusco, der in der neuesten Ausgabe ihres Wein Seller Journals 11/2018 erschien, und den wir mit freudlicher Genehmigung der Autorin abdrucken dürfen.

Eines meiner Lieblingsrestaurants in Reggio Emilia ist das Canossa. Von aussen unscheinbar, von innen so spektakulär wie eine Strassenbahn. Im Canossa steht seit Jahren die Zeit still – und das ist gut so, denn die Küche ist ausgezeichnet. Alles ist unverändert seit meinem ersten Besuch – und der liegt Jahre zurück. Die Kellner, ihre Kleidung, das Besteck, die Tischordnung … der falsche Ligabue an der Wand und das Essen.

Menükarten gibts nicht – ja, eine oder zwei, falls sich ein «Turista» hierher verirrt. Wie dem auch sei: Ich bekomme hier sämtliche kulinarischen Legenden der Emilia ungefragt auf den Teller, und zwar so gut gekocht, dass ich jedes Mal mit Garantie zu viel esse. Prosciutto di Parma, Tortelli di Zucca, Culatello und Tiramisù.

Getrunken wird Lambrusco, denn bei derart schwerer Kost würde ein kräftigerer Wein zur unverzüglichen Erschöpfung führen. Wobei auch der pensionierte Ingegnere jeden Mittag kurz am Tisch einschläft – ohne Zugabe eines Fremdweines. Es dauert jeweils fünf bis sieben Minuten, dann wacht er wieder auf, bestellt sich einen Kaffee und geht – bis er am nächsten Mittag wieder vor der Tür steht.

Ich habe im Ristorante Canossa schon den verschiedensten Gesprächen gelauscht, aber eines blieb mir in Erinnerung wie das Parfüm meiner Grossmutter – «Il mio Sogno» von Borsari aus Parma. Es war Frühling, 12.30 Uhr: Am Tisch neben mir ein junges Paar, so um die vierzig, das den Termin beim Scheidungsanwalt bereits gebucht hatte. Mir fielen die beiden auf, weil sie sich denselben Lambrusco bestellten – den besten des Lokals.

Einen pechschwarzen Lambrusco dell’Emilia aus dem Hause Foieta, der die Zunge schwarz einfärbt, während er prickelnd den Hals hinunterfliesst. Im Canossa ist er nicht immer erhältlich, zumal seine Güte allgemein bekannt und seine Entkorkfrequenz entsprechend hoch ist. Ich trank gerade meinen ersten Schluck, als wir alle, das ganze Restaurant, Zeuge eines tragikomischen Stückes der  Commedia dell’arte wurden.

Sie (hysterisch): Ich will dich nicht mehr sehen. Ich will dich nicht mehr hören. Es ist Zeit, dass du lernst,Wine Tales Kurzgeschichte 11 dass es vorbei ist.

Er (ruhig): Aber Mariagrazia…

Sie (hysterisch): Ich bin so happy, dass es ein Ende hat. Es ist dir immer gelungen, mich fertig zu machen, wenn ich nichts gegen dich vorzubringen hatte. Aber jetzt ist Schluss.

Er (laut): Sei still und hör zu!

Sie (hysterisch und mit dem Finger auf ihn zeigend): Okay, noch das eine Mal, aber von einer Person wie dir lasse ich mir gar nichts mehr sagen. Gar nichts! Hörst du, Marcello!

Ich trank und tat, als hörte ich nichts, während der Kellner mit dem Prosciutto dolce kam.

Er (ruhig und wie ein Pfarrer sprechend): Ich kann deine Aufregung verstehen. Du bist jetzt durcheinander und in einer für dich neuen Situation. Da ist deine Reaktion völlig normal.

Sie (sichtlich erregt): Pass auf, wo deine Stärken sind, Marcello. Du begibst dich auf unbekanntes Terrain. Woher willst du überhaupt wissen, was für mich neu ist? Du weisst ja gar nichts über mich. Ha! Du mit deinen blöden väterlichen Ratschlägen. Ich hätte halt doch am besten auf meine Mutter gehört. Für sie warst du immer ein Schlappschwanz. Hörst du, ein Schlappschwanz!

Er (immer noch ruhig): Lass doch deine Mutter aus dem Spiel, bitte!

Sie (auf Hochtouren): Wart nur, bis sie wirklich ins Spiel kommt. Sie wird dem Avvocato die eine oder andere Geschichte erzählen. Verlass dich drauf.

Er (leicht sarkastisch): Nun, auf deine Mutter war ja immer Verlass …wenn es darum ging, sich in  unsere Angelegenheiten einzumischen.

Sie (bestätigt): Zum Glück. Denn wenn es nicht wegen ihr wäre, wüsste ich die Geschichte mit Sarah nicht, der kleinen Hure aus dem Büro.

Szenen einer Ehe begleiteten mich während des Essens. Meine Tagliatelle al ragù dampften vor sich hin und ich kochte innerlich, mir einen solchen Stumpfsinn mitanhören zu müssen.

Einen Fernseher kann man abstellen, aber diese zwei nicht. Zum Glück lenkte mich mein leeres Glas etwas ab. Können die nicht nach Hause gehen, am besten zur Mamma, und diese Seifenoper weiterführen, dachte ich, und füllte auf. Offensichtlich konnten sie nicht.

Er (immer noch ruhig): Ich fürchte mich vor dir. Du hast ein System entwickelt, um mich total zu verwirren.
Ich kenne dich gar nicht mehr.

Sie (fast schon etwas triumphierend): Gar nie hast du mich gekannt. Und lass dir eins sagen, um eine
Mariagrazia zu ersetzen, braucht es zehn Sarahs. Ach, was sage ich, hundert!

Er (nicht mehr so gefasst): Lass Sarah aus dem Spiel. Sie spielt doch gar keine Rolle.

Sie (erregt): Wie wagst du es, so etwas zu sagen, nach dem, was du mir angetan hast. Alle wussten davon. Deine Kollegen. Im Büro. Auch die Signora Bianchi. Und wenn sie etwas weiss, weiss es die ganze Stadt. Mit einer Sekretärin. Hättest du nicht etwas Besseres aussuchen können? Oder wollen dich intelligentere Frauen nicht?

Zum Glück hatte ich genügend Lambrusco, der mich etwas zu beruhigen vermochte. Ich schenkte weiter nach, wobei mit jedem Schluck Lambrusco die Gefahr grösser wurde, dass sich meine Zunge lockern könnte. Was für Idioten, und das in Italien, in meinem geliebten Canossa, am Tisch neben mir. Wahrlich, nicht mein Glückstag. Während meine Nachbarn fröhlich weiterstritten, brachte man mir die Cotoletta di maiale con spinaci.

Sie (bitter): Das wirst du mir büssen.

Er (bestimmt): Ich bin noch nicht fertig. Du und deine Mutter, das ist ja schlimmer als Krebs. Hast du dir schon einmal überlegt, dass sie alles versucht, um uns zu stören? Jedes Wochenende müssen wir zu ihr und wie oft ruft sie an … einmal, zweimal, dreimal am Tag. Ach, ich will es gar nicht wissen, aber mach du mir ja nie mehr einen Vorwurf wegen deiner Mutter. Ich habs satt, und zwar bis über beide Ohren. Und noch etwas: Das mit Sarah steht in keinem Verhältnis mit der Beziehung, die du zu deiner Mutter hast. Denk doch vielleicht einmal darüber nach, wenn du nicht gerade bei deiner Mutter bist.

Sie (bitter): Du bist ja so stark in deinen Argumenten, so rational und hast immer eine Antwort.

Er (abgestellt): Stört dich das?

Sie (bitter): Nein, aber du musst dir sehr stark vorkommen.

Er (verzweifelt): Nein, Mariagrazia. Eigentlich fühle ich mich elend.

Sie (triumphierend): Gut so. Dann weisst du, wie ich mich gefühlt habe, als ich das von Sarah erfahren habe. Du Schwein!

Er (schockiert): Bitte…Mariagrazia…die Leute…

Sie (laut durchs Lokal schreiend): Du Schwein!

Und während das Echo dieser Worte durch das Canossa hallte und für eine Sekunde eine allgemeine
Verwirrung verursachte, stand sie auf und verliess das Lokal. Er war sichtlich geschockt, legte ein paar Scheine auf den Tisch, blickte verzweifelt zum Kellner und rannte zum Ausgang – vorbei am falschen Ligabue.

«Schwein!», schoss es mir durch den Kopf, während ich auf den Rest meiner Cotoletta di maiale blickte. Ich hätte doch besser nach dem Prosciutto aufhören sollen. Aber jetzt war es zu spät. Mein Lambrusco war leer, ich voll und fix und fertig. Musste an Edward Albees Stück «Who’s Afraid of Virginia Woolf?» denken und daran, wie gern ich Richard Burton und Elizabeth Taylor zusah, wenn sie sich gegenseitig fertigmachten, während sie einen Whisky nach dem anderen tranken. Nicht wie diese zwei hier. Mariagrazia und Marcello. Sie sind gegangen – ohne einen Schluck ihres Lambruscos angerührt zu haben. Nüchtern wie die Dummheit und zerstört wie das Kolosseum. Wie kann man so streiten, ohne zu trinken?

Ihre Flasche stand auf dem Tisch und sah mich an. Genauso wie … der Kellner, der diese Szene auch verzweifelt mitverfolgt hatte.

«Trinken wir sie aus?», fragt er mich.
«Trinken wir sie aus!», antworte ich.
«La vita è una merda! Salute», prostete er mir zu.
«Una merda», lallte ich zurück.

Einen Streit beim Essen sollte man vermeiden – auch als Zuhörer.

Mit freundlicher Genehmigung: Chandra Kurt

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