21 Burgunder aus neun Jahrzehnten: Unvergleichliche Spitzenprobe!

10.02.2017

Es gibt Momente im Leben, die sich selbst den anspruchsvollsten, erfahrensten und enthusiastischsten Weinliebhabern ein Leben lang so sehr in ihr Hirn einprägen, dass sie diese Glücksmomente jederzeit - auch mit jahrelangem Abstand - en Detail abrufen können und in Entzücken schwelgen. Solche Momente hatte ein Gruppe von 14 Liebhabern großer roter Burgunder Anfang Februar bei der spektakulären Verkostung von 21 phantastischen Weinen aus neun Jahrzehnten! Ja, richtig gelesen: 9 Jahrzehnte. Aus den zwanzigern, dreißigern, vierzigern, fünfzigern, sechzigern, siebzigern, achtzigern, neunzigern und der 2000er-Dekade.

Wie geht so etwas? Nur mit einem erfahrenen Sammler, der darauf achtet, nur aus den besten Jahren und aus den besten Lagen Weine aus besten Kellern zu kaufen. Um es vorweg zu nehmen: Nur ein einziger Wein von 21 war tatsächlich so gealtert und gezehrt, dass er kein Vergnügen mehr bereitet hat. Und trotz einiger brüchiger Korken waren gerade mal zwei Weine extrem von Kork geprägt und 2 Weine mit einem leichten Muff-/Keller- oder Korkton behaftet, so dass der Genuss beeinträchtigt war. Alle anderen 16 Weine boten allergrößte Trinkfreude und waren überraschend präsent, köstlich bis phänomenal!

Hier erst einmal die gesamte Liste der Weine nach Alter sortiert, weiter unten dann die Verkostungsnotizen:

2003  Vosne-Romanée  1er Cru  "Haut-Dessus de Malconsorts", Domaine Remoriquet
2001  "Clos Vougeot", Domaine de la Vougeraie 
1996  “Chambertin”, Domaine Rousseau
1996  "Echezeaux", Domaine Jayer-Gilles 
1996  "Bonnes Mares", Domaine Fougeray de Beauclair 
1996  "Clos des Ducs", Domaine d`Angerville 
1996  Nuits-St-Georges  "Vaucrains", Domaine Gouges
1996  Pommard "Rugiens", Girardin
1995  "Chapelle-Chambertin", Domaine Ponsot
1993  Chambolle-Musigny "Les Amoureuses", Mugnier
1990  Volnay 1er Cru  "Clos de la Bousse d`Or”, Domaine de la Pousse d`Or
1988  "Clos Vougeot", Domaine Labet 
1976  “Romanée-St. Vivant", Louis Latour
1969  Vosne-Romanée  1er Cru  "Chaumes", Händler Barriere 
1953  "Richebourg", Domaine Chanson 
1947  “Clos de la Roche”, André Guy
1947  "Corton  Clos des Chaumes", Louis Latour
1947  "Clos Vougeot", Leymarie
1945  Santenay “Les Gravières” (late release der Domaine!), Domaine Jessiaume 
1937  Beaune  1er Cru  "Clos de L´Ecu"
1929  “Chambertin”, Unbek. Händler

Der Schwerpunkt lag auf den beiden Ausnahmejahrgängen 1996 und 1947. Zu Recht, wie sich bald zeigen sollte!

Los ging es gleich mit einer faustdicken Überraschung, denn von dem 1945er Santenay “Les Gravières” der Domaine Jessiaume hatte kaum jemand etwas erwartet. Denn diese kleine Lage ist nun einmal nicht wirklich für langlebige Weine bekannt. Doch diese late release der Domaine (sie wurde erst viele Jahre nach Kriegsende freigegeben, wann genau ließ sich leider nicht mehr eruieren) zeigte eine offene Erdbeernase ohne jeglichen Reifeton und wirkte frisch. Am gaumen dann ein beeriger Auftakt mit feinsten kreidigen Tanninen und tollem Trinkfluss, der och richtig Spaß gemacht hat. Kein großer Wein, aber immer noch mit Vergnügen trinkbar. 89 Punkte Ein gelungener Start!

Es folgte der 1947er "Clos Vougeot" von Leymarie aus einer nur 0,5 Hektar großen Parzelle. Kräftiges Granatrot. Viel tabak, Brotfrucht, Sanddorn im Bukett, keinerlei Firne. Hoch attraktive, intensive Frucht mit Power und Balance, tief und komplex, delikate Säure. Ein großer Wein mit sehr langem, recht würzigem Finale und deutlicher Mineralität. Für einen 47er ein wenig schlank, aber er macht das durch Druck am Gaumen und Finesse wett. 94 Punkte

Der 47er "Clos de la Roche" von André Guy setzte das erste Ausrufezeichen! In der farbe ein helles Granat- bis Orangerot, das Buektt etwas stahlig, mettallsich, blutig mit deutlichen Reifenoten. dennoch steht er wie eine 1 im Glas, wirkt eher wie ein Bordeaux aus dieser zeit, macht gewaltig viel Druck am Gaumen und hat Power ohne Ende. Ungemein lang klingt er nach und zeigt dabei eine spektakuläre Finesse, die in Aromen von Hagebutte, Sanddorn und balsamischen Noten mit leichten Schokoakzenten endet. Hammermäßig gut! 99 Punkte

Der 1947 "Corton  Clos des Chaumes" von Louis Latour enttäuscht mit bräunlicher Farbe und Geranienduft mit leichtem Essig-Stich. Rassige Säure, aber deutlich gezehrt, bestenfalls ein nette Erinnerung an einen ehemals großen Wein. Keine Wertung.

Nun kam ein Wein aus einer eher mäßigen Lage, der 1937er Beaune  1er Cru  "Clos de L´Ecu" von unbekanntem Erzeuger (ließ sich auf dem Etikett nicht mehr entziffern) roch nach Champignons und Fleischbrühe, mit einem Hauch Schokolade. Am Gaumen zeigte er eine einfache Struktur mit viel körnigen rauen Tanninen und festem Säurebiss. Metallische Noten im rauen Finale, und trotzdem trinkig und somit für solch eine Appellation eine echte Überraschung. 89 Punkte

1996er Bonnes Mares von Domaine Fougeray de BeauclairDie beiden folgenden Weine hatten Kork, der 1969er  Vosne-Romanée  1er Cru  "Chaumes" vom  durchaus ambitionierten Barriere Händler noch leicht, aber der 1976er  “Romanée-St. Vivant", Louis Latour ganz heftig.

Schön hingegen der 1988er "Clos Vougeot" der Domaine Labet (größter Anteilseigner dieser Lage), ein modern gemachter Burgunder mit viel Frucht und terroirausdruck, der aber noch lange nicht seinen Zenit erreicht hat und fast jugendlich wirkte. Lang und komplex, aber ohne Wumms! 93 Punkte

Eine deutliche Steigerung dazu war der 1990er Volnay 1er Cru "Clos de la Bousse d`Or” der Domaine de la Pousse d`Or (richtig geschrieben: Eine Domaine darf nicht den gleichen Namen wie eine Lage haben!). Sehr elegante und feine erdige Nase mit viel dunkler Kirschfrucht. Am Gaumen ein karftvoller, mächtiger Volnay mit sehr viel Druck, stoffig und zupackend, ein Strukturwein mit klasse Frucht und rassiger Säure, der noch viel Potenzial hat. Ein Klassiker! 94-95 Punkte

Wunderschön der 1993er Chambolle-Musigny "Les Amoureuses" von Mugnier mit feinem, elegantem Kirschbukett. Am Gaumen große Saftigkeit und feinste Tannine im Überfluss, sehr mineralisch und zu beginn noch leicht spröde, dann aber mit phantastischer Entwicklung am Gaumen. Endlos lang. 96 Punkte.

Der Grand Cru 1995 "Chapelle-Chambertin" der Domaine Ponsot zeigte ein spannendes Bukett aus Sauerkirschfrucht, grünem Tee und Lakritze. Am Gaumen eine Mega- Sauerkirschfrucht, die von einem enormen Säurezug begleitet wird, feinste kreidige Gerbstoffe bieten einen sandigen Fluss, großartige Power und ein saftig-würziges Finale zeigen: Dieser Wein ist ein Monument, das jetzt perfekt zu trinken ist, delikat bis ins letzte Detail. 96 Punkte

Leider zeigte sich der 2001er "Clos Vougeot" von der Domaine de la Vougeraie extrem stumpf und sperrig, mit deutlichem Holzeinsatz, aber letzten Endes mit einem Kork-Problem.

1929 Chambertin von unbekanntem HändlerEin grandioses Bukett mit expressiver Kirschfrucht und viel erdigen Noten, mit großer Tiefe und Vielschichtigkeit, am Ende auch mit etwas Lakritze zeigte der 2003er Vosne-Romanée 1er Cru "Haut-Dessus de Malconsorts" der Domaine Remoriquet. Am Gaumen noch sehr feste Tannine, die zwar feinkörnig, aber auch schmirgelig sind, mit kreidigen Aspekten. Ein Strukturwein mit zartem Druck, der zwar schon gefällt, aber sicher noch viel besser wird. Daher in diesem Stadium nur 92 Punkte.

Jetzt kamen die mit großer Spannung erwarteten 1996er. Doch erst einmal eine Enttäuschung. Der 96er Pommard "Rugiens" von Girardin zeigte heftigen Kork.

Aber dann zeigte der 1996er "Clos des Ducs"der Domaine d`Angerville die Klasse und Finesse dieses hoch gelobten Jahrgangs. Auch wenn Parker ihm nur eine schwache 89er Wertung (vermutlich wegen schlechter Flasche) gab, präsentierte er sich für uns als ein filigraner und finessereicher Wein mit wunderschönem Bukett mit feinsten Erdbeer- und Sauerkirschnoten, dazu zart Champignons. Am Gaumen ein zupackender Auftakt mit viel rassiger Säure und ordentlich Zug am Gaumen, hoch komplex und vielschichtig und traumhafter Länge. Kein Kraftprotz, sondern ein finessenreicher und höchst anspruchvoller Wein, der einfach Freude bereitet. 96 Punkte

Ganz im Gegensatz zum 1996er Nuits-St-Georges "Vaucrains" der Domaine Gouges, dessen karftvoller Auftakt mit massiv viel und feinkörnigem Tannin, das noch jugendlich und fast trocknend war, ja geradezu fordernd. Ein Powerwein mit Riesenpotenzial, der sich erst mit Belüftung öffnet. Ich stehe ja nicht auf solche Kraftmeier, aber beeindruckend sind sie schon. 95++ Punkte.

Der 1996er "Bonnes Mares" von Domaine Fougeray de Beauclair ist der einzige Bonnes-Mares in der Gemarkung Morey-St.-Dénis und ist ein Prachtstück! Wunderschöne expressive Nase mit tiefer Kirschfrucht, Tabak und erdigen Noten. Kraftvoller, intensiver und kompakter Kirschfruchtauftakt mit enorm viel allerfeinstem Tannin. Er strotz vor Kraft und gleichzeitig Eleganz, selten sieht man solch eine Balance zwischen diesen beiden Extremen, ein Wein mit großem Tiefgang und Finesse. Perfekt! Hoch delikat, einer meiner Favoriten! 99 Punkte1953 Richebourg von Chanson

Und diesem Muster-Beispiel burgundischer Eleganz steht der nächste Wein keinen Deut nach: Der 1996er  “Chambertin” der Domaine Rousseau zeigte ein geradezu erotisches Bukett von fleischiger Kirschfrucht, voller Intensität und erhabener Schönheit. Am Gaumen strotzt er vor Saftigkiet von perfekt gereifter Kirschfrucht, die begleitet wird von extrem feinem Tannin, die Säure vibriert am Gaumen, tanzt spielerisch, und alles ist in perfekter Harmonie. Ganz große Gaumenkino! Jeder Tropfen ein neues Erlebnis, ungemein facettenreich. 99 Punkte. Gibt es hierzu noch eine Steigerung?

Der 1929er “Chambertin” von einem unbekannten Händler hätte das fast geschafft, aber nur fast. Im Duft zeigte er Milchschokolade und Kakaonoten, aber auch Nüsse und Champignons, getrocknete Feigen und Korinthen. Am Gaumen mit deutlicher Restsüße, was durch den hohen Extrakt und die Madeirisierung kommen kann, rosinige Noten, das Extrakt kann man quasi kauen. Ein Wahnsinns-Wein, der immer wieder Wellen von Gänsehaut auslöst. Ein Wein den man nie wieder vergessen wird. 98 Punkte

Das Highlight folgte zum guten Schluss! Der 1953er "Richebourg" der Domaine Chanson zeigte eine wunderschöne, sehr feine Sauerkirschnase, untermalt von Tabaknoten und Zedernholz, Sandelholz und balsamischen Noten. Ein Wein-Monument mit expressiver Frucht und herrlich erfrischender Säure mit viel Zug, einer spektakulären Tanninstruktur, endlos langem Finale. Tropfen für Tropfen begeistert er mit Wucht, Tiefe und Power. 100 Punkte

Fazit: Reife Burgunder können so unglaublich gut und nuancenreich sein, wenn: 1. Die Lage 2. der Erzeuger 3. der Jahrgang und 4. die Keller in denen sie reifen perfekt  sind.  Und: Große Burgunder müssen reifen, oft Jahrzehnte, bevor sie all ihre Größe zeigen.

Text und Fotos: Frank Roeder MW

21 Burgunder aus 9 Jahrzehnten

 

 

 

 

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