Château Petrus: Was ist dran am Kult?


Er ist einer der angesehensten und gesuchtesten Weine der Welt, und damit auch einer der teuersten. Unter einem vierstelligen Euro-Betrag ist ein Petrius kaum zu haben. Château Petrus geniesst Kultstatus. Dieser gründet in erster Linie auf der Langlebigkeit der Weine, noch heute bereiten die 1900er oder 1947er großen Genuss. Relativ häufig wird die Traumnote von 100 Punkten gezogen! Sind das dann tatsächlich Traumweine, deren Genuss paradiesich ist und den Geniesser in den Weinhimmel aufsteigen lässt? Fragen Sie mal Menschen, die einen Petrus getrunken haben. Viele berichten von enttäuschenden Erlebnissen. Was ist also dran am Kult?

Eine Standortbestimmung:

Château Petrus ist ein relativ unscheinbares und auch relativ kleines Weingut (11,5 Hektar) im Anbaugebiet Pomerol. Dort gibt es keine Klassifizierung der Weine wie im Médoc oder im benachbarten St. Emilion. Man findet daher auf dem Etikett lediglich den Hinweis "Grand Vin", doch der ist auch auf viel bescheideneren Weinen zu finden. Das Hauptgebäude, dessen Markenzeichen die goldenen Lettern PETRUS an der Außenwand sowie lange Zeit auch die hellblauen Fensterrahmen waren (nur bei Petrus und sonst nirgendwo in Pomerol zu finden), wurde 2000 komplett restauriert.

Château Petrus, Pomerol

Pomerol ist ein ziemlich ebenes, flaches Weinbaugebiet. Keine wirklichen Hügel, und insgesamt durchaus überschaubar. Nur wer genau hinschaut kann erkennen, dass Petrus auf dem höchsten Punkt der Appellation liegt, Un auch beim genauen Blick auf die Böden lassen sich feine Unterschiede feststellen.Bei Petrus ist der Kies-Anteil in den sandigen Böden erkennbar höher. Solch ein Boden ist gut wasserdurchlässig und sorgt für eine gute Drainage. Dieser Kiesstreifen zieht sich von Petrus in südöstlicher Richtung über Château Evangile und dann über Château Cheval Blanc und Château Figeac (die beide in zum Anbaugebiet Saint Emilion gehören und dort Premiers Crus Status geniessen). Dieser Kiesstreifen ist jedoch nicht besonders tiefgründig (bei Petrus nur einen Meter dick) und stammt von den Moränen der letzten Eiszeit. Darunter liegt eisenhaltiger Ton, der im Petrus für seine üppige Fülle und seine Vielschichtigkeit sorgt, während der Ton durch seine Wasserspeicherfähgkeit auch in trockenen Jahren für einen ausgeglichenen Wasserhaushalt sorgt.

Doch noch etwas ist bei Petrus anders: Die Rebsortenzusammensetzung mit 95% Merlot und 5% Cabernet Franc ist selbst für das Pomerol ungewöhnlich. In manchen Jahren wird der Cabernet Franc sogar komplett weggelassen, so dass der Petrus keine Bordeaux-typische Cuvée, sondern ein reinsortiger Merlot ist.

Christian Moeuix, der heutige Inhaber und Manager, kümmert sich um jedes Detail der produktion und unterwirft alles, aber auch wirklich alles dem Diktum höchster Qualität. Beispiele gefällig? 1987 regnete es während der Lese, die Lesemannschaften warteten auf ihren Einsatz. Als dann eine Regenpause kam, wurde ein Hubschraiuber eingesetzt, der in niedriger Höhe über die Reben flog und durch den enormen Wind dafür sorgte, dass die nassen Trauben größtenteils vom Wasser befreit wurden. So konnte Petrus im Gegensatz zu anderen Kollegen relativ trockenen Trauben lesen und der Wein war weniger verwässert.

Oder 1992: Vor einer Regenperiode wurden die Böden mit schwarzer Plastikfolie abgedeckt, um ein weiteres Eindringen von Wasser in die Böden zu verhindern, bzw. um das überschüssige Regenwasser besser abzuleiten.

Was ist dran am Kult?

Noch bis in die 60er Jahre des letzten Jahrhundert qar Petrus kaum bekannt. Erst eine Rarirätenprobe offenbarte das grandiose Potenzial des Petrus in großen Jahrgängen. Der 1900er war noch wunderbar zu trinken, Weine aus den 20er Jahren waren geradezu genial, der 1947 frisch und noch jugendlich. Schaut man einmal auf die Bewertungen von Robert Parker, fallen die ungewöhnlich vielen hohen Bewertungen mit oder nahe der Höchstnote auf:

1921: 100 Punkte

1929: 100 Punkte

1945:   98 Punkte

1947: 100 Punkte

1949:   95 Punkte

1950:   99 Punkte

1961: 100 Punkte

1964:   99 Punkte

1967:   99 Punkte

1970:   99 Punkte

1975:   98+ Punkte

1989: 100 Punkte

1990: 100 Punkte

2000: 100 Punkte

2008:   97 Punkte

2009: 96-100 Punkte

2010:98-100 Punkte

Das kleine Angebot (Jahresproduktion von 25.000 bis 30.000 Flaschen) kombiniert mit einer weltweite großen Nachfrage (dank der Spitzenbewertungen) sorgt für sehr hohe Preise. Einen Petrus gibt es nur noch zu Preisen ab 1.000 € die Flasche, für Raritäten wie den 1961er oder den 1947er wird ein Vielfaches davon gezahlt. Das weckt Begehrlichkeiten und auch Betrüger. kaum ein  Wein wurde so häufig gefälscht wie eben jener 1947er Petrus, und man wundert sich immer wieder, wo plötzlich noch Weine und insbesondere Großflaschen dieser Jahrgänge auftauchen. Um die Echtheit seiner Weine prüfen zu können, versieht Petrus jede Flasche seit Ende der 90er Jahre mit einer Gravur.

Alte Jahrgänge unterliegen häufig stark schwankenenden Qualitäten, die damit zusammenhängen, dass die Weine damals eben nicht vom Château direkt, sondern von diversen Handelshäusern in Frankreich oder Belgien abgefüllt wurden. In der Regel wird das Handelshaus dann auf dem Etikett oder einem Zusatzetikett benannt.

Wenn so viele Jahrgänge mit Höchstnoten versehen werden, warum gibt es dann so viele Enttäuschungen beim Trinken einer Flasche Petrus? Das kann vielerlei Gründe haben:

Bei alten Flaschen kann wie oben beschrieben die Qualität vom Abfüller abhängen. Zudem haben natürliche Faktoren wie Lagerung, häufiger Besitzerwechsel, Korkqualität einen direkten Einfluss. Der Schwund in der Flasche ist ein wichtiger Indikator:Liegt der Schwund bei alten Jahrgängen deutlich unterhalb der Schulter, ist Vorsicht geboten! Dann waren eben die Lagerbedingungen und/oder die Korkqualität nicht gut.

Und bei neueren Jahrgängen: Hier werden relativ häufig die weniger tollen Jahrgänge angeboten und gekauft, denn erstens erscheinen die Spitzenjahrgänge kaum auf dem Sekundärmarkt (sprich nach der Subskription) und zweitens sind die weniger guten Jahrgänge preislich eher bezahlöbar als die grandiosen Jahrgänge. Dann geht man mit der Erwartungshaltung an die Flasche, die ein Kultwein eben so mit sich bringt, und dann muss man feststellen, dass Petrus eben auch "nur" ein Wein ist, und nicht in jedem Jahrgang paradiesischen Genuss versprechen kann. Manche Jahrgänge kann ich wirklich nicht empfehlen: 1978, 1984, 1985, 1986 und 1987 haben mir gar nicht gefallen. Aber ab 1988 macht Petrus keine wirklich schwachen Weine mehr, sie sind dann gute bis hervorragende, zum Teil sensationelle und großartige Weine.

Ich kann Ihnen vom Genuss eines 1947er Petrus im Rahmen einer Raritätenprobe mit Hardy Rodenstock berichten. Der 47er Petrus kam aus einer Magnum-Flasche mit sehr gutem Füllstand. Der Korken war zwar nass, aber sonst tadellos. Was mich am meisten an diesem Wein verblüfft hatte, war seine Jugendlichkeit. Selbst die Farbe zeigte keine bräunlichen Töne, bestenfalls einen Hauch Granatrot im insgesamt tiefdunlen Farbbild. Diese Tiefdunkle Farbe ist bei Spitzen-Bordeaux Weinen aus dieser Zeit nicht ungewöhnlich, stammt aber eher selten von Ttrauben aus dem Bordelais. Es war damals gängige Praxis, die Spitzen-Bordeaux mit etwas Spitzen-Rhône Weinen (Syrah) nachzudunklen. Auch am gaumen keinerlei Zeichen von Müdigkeit. Klar, viele sekundäre Reifearomen wie Leder, Tabak, stark abgehangenes Fleisch, Waldboden, weiße Champignons, Trüffel, doch das ganze eingepackt in einer wunderbar zartsüßlichen Frucht und gesichert durch einen hohen Alkoholgehalt. 1947 war ein heißes Jahr, mit perfekt gereifter Fricht aber auch ungewöhnlich hohen Alkoholwerten. Lange galten die 1947 als schwer zugänglich und weig attraktiv, doch der Alkohol war ein wunderbarer Konservierungsstoff, und einige Bordeaux auch von anderen Weingüter aus diesem Jahrgang sind noch immer ein Genuss.

Für mich war der Wein auf jeden Fall eine Offenbarung. Zusammen mit dem 1947er Cheval Blanc und dem 1947er Lafleur definitiv eines meiner schönsten Wein-Erlebnisse!

 


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