Jetzt bestellen

Eine verrückte Geschichte als Geburt eines Kultweins

20.11.2015

Nur wenige Weine haben mich je so berührt wie die beiden Mas de Daumas Gassac. Um den Geheimnissen dieser Kultweine auf die Spur zu kommen ist ein Besuch vor Ort unumgänglich. Also mache ich mich auf den Weg zu einem der berühmtesten Weingüter des Languedoc - Mas de Daumas Gassac . Basile Guibert, der jüngste Spross der Eigentümer-Familie Guibert empfängt mich an einem sonnigen Tag im September. Die Lese ist in vollem Gange, und dennoch nimmt er sich viel Zeit, um mir alle Besonderheiten der großartigen Weine dieser Ausnahme-Domaine zu erklären und zu zeigen. Los geht es dorthin, wo alles begann.

Wir spazieren die Rebzeilen der ältesten Parzelle eine Anhöhe hinauf. Noch hängen dort die Cabernet Sauvignon Trauben. Sie schmecken schon recht süß, doch wenn man die Beerenhaut zerkaut schmeckt man sofort, dass die phenolische Reife der Gerbstoffe noch nicht vollendet ist. Abwarten ist angesagt. Wir erreichen die Anhöhe und schauen hinunter in das Gassac-Tal und auf das Anwesen, die "Mas", wie man hier zu den Landhäusern zu sagen pflegt.

Basile Guibert und Frank Roeder MW

Im Jahre 1970 - erklärt mir Basile - suchten seine Eltern Véronique und Aimé GUIBERT auf dem Land nach einem Landsitz. Im Gassac-Tal entdeckten sie ein verlassenes Landhaus (ein MAS)  mit Mühle am Ende eines piniengesäumten Weges. Es gehörte der Familie DAUMAS und lag in fast unberührter Natur an einem Bachlauf, dem GASSAC. Die beiden naturverbundenen Guiberts wollten Landwirtschaft betreiben, hatten aber nicht wirklich eine Idee, was denn genau hier wachsen könnte: Oliven, Mais, Reben....?

Sie befragten einen befreundeten Professor, der an der Universität Bordeaux Geologie lehrte und sich auf das Zusammenspiel von Reben und Böden spezialisiert hatte. Zudem war er durch sein Buch "Der Ursprung der Qualität" bekannt geworden. Im folgenden Jahr besuchte Professor Henri Enjalbert die Domaine. Nachdem er einen ganzen Tag durch die Gegend gestreift war und sich die Böden genauestens angeschaut hatte, kam er zu dem Schluss: "Ja, das Terroir gibt es her, dass hier ein Grand Cru entstehen könnte. Aber es wird wohl 200 Jahre dauern, bis er als solcher anerkannt und respektiert wird."

Das steinige rote Terroir von Gassac

Ich bin beeindruckt von den recht steinigen, eisenhaltigen, roten Böden im Gassac-Tal. Hier oben zeigt ein Schnitt die Komposition der Böden, und auch wie locker es ist. So können die Rebstöcke tief wurzeln und finden auch in sehr trockenen Jahren ausreichend Feuchtigkeit. Die Wasserspeicherfähigkeit ist ein weiteres entscheidendes Plus, dass die Reben keinen Trockenstress erleiden müssen.

Laut Henri Enjalbert kann ein Spitzen-Rotwein nur dort entstehen, wo im Unterboden ausreichend Wasser gespeichert wird. Die umliegenden Berge könnten zu einem Mikroklima mit ausreichend feuchter Luft beitragen, das in etwa dem des Médoc entspricht.

Das Wort vom Grand Cru hatte sich im Kopf von Aimé Guibert festgesetzt und ließ ihm keine Ruhe. Er studierte so ziemlich alles, was es an Literatur zu Qualitätsweinbau gab. So prägte ihn vor allem die Lektüre der Bücher von Emile Peynaud, dem großen Wein-Professor aus Bordeaux, der die besten Châteaux dort beriet. Aimé Guibert schrieb Dutzende von Briefen an den berühmten Professor, doch mal in diese großartige Region zu kommen und ihn auf Mas de Daumas zu beraten. Seine Bitten blieben unbeantwortet, aber er ließ nicht locker. Kein Wunder, denn das languedoc war zu dieser Zeit nur für grottenschlechte Massenweine bekannt.

1972 pflanzte Aimé seine ersten Cabernet Sauvignon Stöcke. Aber es waren keine aus irgendeiner der zahlreichen Rebschulen, die Pflanzenmaterial klonen. Es waren vielmehr ungeklonte Setzlinge, die als Reiser von großen Bordeaux-Weingütern stammten.

Aimé war fest davon überzeugt, dass Uniformität keine Spitzenqualität hervorbringen kann. Deswegen pflanzte er eine möglichst große Vielfalt, und tatsächlich kann man den heutigen Parzellen diese Vielfalt in der Unterschiedlichkeit der Stöcke erkennen.

Nachdem Enjalbert nach Bordeaux zurück gekehrt war, traf er Wochen später beim Friseur seinen Kollegen Emile Peynaud. Die beiden waren befreundet, und so fragte Peynaud, wo Enjalbert die letzten Wochen gewesen sei. Enjalbert erzählte von seiner "Entdeckung" im Languedoc. Als Peynaud den Namen Guibert hörte, erinnerte er sich an diesen verrückten Typen, der ihm laufend Briefe mit der Bitte um Beratung schrieb.

Doch es sollte noch ein paar Jahre dauern, bis er sich durchringen konnte, die Domaine zu besuchen. Inzwischen baute Guibert seinen Vinifizierungskeller auf den Ruinen der Mühle direkt am Gassac-Bach. Dank des kühlen Wassers, so sein Gedanke, würde der in den Boden gebaute Keller beständig kühl bleiben. Eine weise Entscheidung.

1978 besuchte Peynaud erstmals Mas de Daumas Gassac, und war so begeistert, dass er spontan seine Hilfe zusagte mit einer einzigen Auflage: Er wollte nicht dafür bezahlt werden. Wie ein Lehrer seinen unbedarften Schüler instruierte Peynaud während der Lese 1978 per Telefon. Während der Kellerarbeiten oft bis tief in die Nacht hinein. Als sein Engagement im Languedoc bekannt wurde, fragten Journalisten Peynaud, wieso er sich nicht auf die Erzeugung der weltbesten Grands Crus konzentriere und seine Zeit mit einem unbedeutenden Projekt im Languedoc verschwende. Peynaud soll geantwortet haben: "Ich habe den besten Weinen der Welt geholfen, besser zu werden, und habe viele Grands Crus qualitativ weit voran gebracht. Aber ich war noch nie an der Geburt eines Grand Crus beteiligt."

1978 war also der erste Jahrgang des Mas de Daumas. Er wurde aus 87,7% Cabernet Sauvignon erzeugt. 10% Tannat und 3,3% Malbec waren die anderen Sorten. An der Bedeutung des Cabernet als Hauptrebsorte hat sich bis heute nichts geändert. Immer bewegt sich der Anteil des Cabernet um 80% oder mehr, abhängig von der Erntemenge und der Güte des Cabernet. mal gibt es mehr, mal weniger. Mal ist hervorragend, mal weniger. das ist die Grundlage für die Entscheidung, wieviel Cabernet die Cuvée prägen wird.  Aber fasziniert von der Vielfalt der Weinwelt und in dem Glauben, dass diese Vielfalt die Qualität und Komplexität eines Weines erheblich steigern kann, hat Aimé Guibert auch andere Sorten gepflanzt, allen voran Syrah und Merlot. Doch auch nicht heimische Sorten wie Dolcetto, Nebbiolo, Barbera, Pinot Noir, Cabernet Franc...... sind seit dem Jahrgang 1981 Bestandteil in der Cuvée, sofern sie reif und gesund sind.

Die Weine wurden Jahr für Jahr besser, die internationale Weinkritik ist sich einig wie selten zuvor: "Der einzige Grand Cru im Süden Frankreichs" (Hugh Johnson), "Der Lafite im Languedoc" (Gualt&MIllau). Doch Aimé wollte mehr. Auch ein Weißwein musste her, aber seine Frau Véronique und Professor Enjalbert rieten ab. Aimé blieb stur und wollte unbedingt im Gassac-Tal weiße Reben pflanzen. Erst als seine Frau mit der Scheidung drohte, lenkte er ein. Zum Glück. Die roten eisenhaltigen und steinigen Böden des Gassac-Tals sind prädestiniert für rote Sorten, und so sollte es bleiben.

Die weißen Sandsteinböden

Erst als Aimé die Böden in der Umgebung untersuchen liess, fanden sich auf manchen der Hügelkuppen Parzellen mit weißem Sandstein. Aimé hatt sein Terroir für weiße Sorten gefunden. Doch welche Sorten sollte er pflanzen? In Frankreich war Burgund mit seinem Chardonnay weltberühmt. An der Rhône war Viognier die beste Sorte. An der Loire begeisterten ihn die Chenin-Weine, von den Pyrenäen kam der Petit -Manseng. Was aber passt ins Languedoc? Also pflanzte er diese vier Sorten, und dazu noch Muscat.

So entstand ähnlich wie der Rotwein ein Weißwein aus mehreren Sorten. Dominierte 1986, dem ersten Jahrgang des weißen Mas de Daumas Gassac, noch der Viognier, änderte sich das Verhältnis im Laufe der Jahre. Die vier genannten Sorten spielen heute noch eine wichtige Rolle, aber wie beim Roten haben exotische Sorten nun einen wesentlichen Anteil an der faszinierenden Komplexität. "Einer der zehn besten Weißweine der Welt", urteilt Michale Broadbent, der den Wein wegen seiner Vielschichtigkeit liebt. Ganz im Gegensatz zu anderen großen Weißweinen wird er aber weder im Holz vergoren noch ausgebaut. Komplett im Edelstahl vinifiziert und dort auf der Feinhefe gereift wird er relativ jung gefüllt und bereitet schon in seiner Jugend ein grandioses Trinkvergnügen.

So weit die Geschichte. Wir stehen noch immer oberhalb Reben, und ich lasse die Geschichte genauso auf mich einwirken wie diese mystsiche Landschaft. Es gibt Orte, die einen gefangen nehmen, die einen nicht mehr loslassen, die eine Aura austrahlen, die etwas Magisches haben. Solch ein Ort ist das Gassac-Tal, und irgendwie schmeckt man diese Magie auch in den Weinen.

Text: Frank Roeder MW

Fotos: Frank Roeder, Mas de Daumas Gassac

« zurück
© Developed by CommerceLab
?>